milieu
„Le microbe n’est rien, le terrain est tout.“
Die Mikrobe ist nichts; das Milieu ist alles. Diese Erkenntnis soll Pasteur wohl erst auf seinem Sterbebett gekommen sein. Ich weiß nicht, ob dies sein Schicksal betraf, aber es ist bezeichnend, dass er sein Leben lang auf etwas konzentriert war, das er für den Kern der Problematik hielt. Er dachte, dass das Maß einer Krankheit vom Keim ausgeht. Die Erkenntnis, dass es das Umfeld ist, das ausschlaggebend für das Ausmaß einer Krankheit ist, kam ihm wohl erst, als er den Fokus verlegte.
Eigentlich müsste es umgekehrt auch funktionieren: Das Maß der Gesundheit wird nicht durch die Abwesenheit von Erregern bestimmt, sondern durch die Abwehrkraft des Milieus. Die Salutogenese geht hier noch ein Stück weiter und erweitert das Milieu über das Biologische hinaus. Nicht nur das körperliche innere Umfeld zählt, sondern auch das gesamte Lebens- und Bedeutungssystem, in dem sich ein Mensch bewegt. Nicht der einzelne Stressor entscheidet, ob ein Mensch krank wird, sondern wie gut das System damit umgehen kann. Somit ist Gesundheit kein fester Zustand, sondern ein dynamischer Prozess im Kontext der Beziehung zwischen Mensch und Umfeld.
Die Beziehungsqualität zwischen Mensch und Umfeld – oder zwischen Erreger und Milieu – wird in der Salutogenese als Kohärenzgefühl bezeichnet. Es beschreibt die grundlegende Haltung eines Menschen zur Welt – oder zugespitzt: „Erlebe ich das, was passiert, als verständlich, handhabbar und sinnvoll?“ Auch Kunden stellen sich diese Fragen, wenn sie mit einem Unternehmen zu tun haben. Also müsste ein gesundes Unternehmen eines sein, das sinnvoll, handhabbar und verständlich ist. Auch in einem Unternehmen bestimmt das Milieu das Ausmaß von Gesundheit oder Krankheit – von Erfolg und Misserfolg–, nicht der Erreger.
Wenn ich also auf ein Unternehmen schaue und mich um dessen Gesundheit bemühe, lege ich den Fokus auf das System und das Kohärenzgefühl, das man spürt. Ob einzelne «Erreger» sich tummeln, ist sekundär; das Milieu ist alles. Der Maßstab, wonach alles im System sinnvoll, handhabbar und verständlich ist und zur Schaffung von Kohärenz beiträgt, ist hier führend. Haben alle Mitarbeitenden ein ausgeprägtes Kohärenzgefühl? Sind alle Organe und Funktionen Teil des Milieus, des Systems, und können sie als System agieren, um Erregern zu begegnen? Gibt es einen dynamischen Prozess im Kontext zwischen Unternehmen und Umfeld, der sich kontinuierlich justiert und anpasst, um Kohärenz herzustellen?
Diese Betrachtung lässt sich auch auf die Fähigkeiten einer Unternehmung übertragen. Gesunde Unternehmen haben die Fähigkeit, als System zu handeln. Die nötigen Fähigkeiten sind, wie die Organe, Teil des Systems. Das Milieu ist alles.
Bis auf Design, das sich regelmässig als Erreger erweist. Nicht, weil das System erkranken würde, sondern weil es nicht systemisch zur Gesundheit beiträgt: Es wird als Zusatz, als Beiwerk und manchmal als Pflaster eingesetzt, also als Mittel zur Krankheitsbekämpfung, quasi als Medizin. Und eben nicht als Bestandteil des Milieus, also der Gesundheit! Warum? Fragen Sie nach dem Kohärenzgefühl: Ist Design sinnvoll, handhabbar und verständlich?
Aus Sicht eines Unternehmens ist die Sinnhaftigkeit von Design klar gegeben: Kaum ein Unternehmen bezweifelt, dass Design Sinn macht. Design ist mit einem klaren Purpose verbunden; man weiß, wozu es beiträgt. Man verwechselt nur die Symptom- und die Ursachenwirkung und setzt es als Medikament ein…
Bei der Verständlichkeit wird es schwierig. Viele wissen nicht, was Design genau macht, wie es entscheidet, argumentiert und beiträgt. Daher sind Strategie, Entscheidungen und Prozesse wenig transparent und kaum nachvollziehbar, was zur Verwirrung statt zur Orientierung führt. Leading Design sollte hier aufklären.
Noch schwieriger ist es, das Design zu handhaben: Wie soll man es einbetten, verwalten und kontrollieren? Hat man das Gefühl, über ausreichende Ressourcen zu verfügen, um dessen Anforderungen zu erfüllen? Haben die Designer Werkzeuge, Kompetenzen und Entscheidungsspielräume, Strukturen, die unterstützen, statt zu behindern, und eine Führung, die echte Ermöglichung schafft und nicht nur Kontrolle? Bald erscheint hierzu „Managing Design“ – ich bin dran.
Damit Design Teil des Milieus wird, muss es Kohärenz erzeugen. Entweder indem es sich selbst als Teil des Milieus beschreibt und anbietet oder indem das Milieu den Erreger integriert, seinem System zuordnet und Kohärenz einfordert. So oder so ist ein Umdenken nötig: weg von der Haltung, Design sei etwas «außerhalb» des Milieus, etwas Eigenständiges oder sogar ein eigenständiges Milieu. Aus Sicht einer Unternehmung ist das nur ein Erreger. Kranke Unternehmen werden durch eine solche Haltung eher geschwächt; es entsteht keine Kohärenz. Gesunde Unternehmen merken nichts vom «Erreger», denn sie haben ein intaktes System – das Design lebt vor sich hin.
Wenn Design zur Gesundung und Leistungsfähigkeit der Unternehmen beitragen will, muss es Teil des Systems werden. Dann wird es Unternehmen von innen heraus stärken und auf Dauer erfolgreich machen.
Denn das Milieu ist alles!