kulturmix
Die Zukunft ist nicht mehr das, was sie mal war! Als kleines Kind sah ich, wie man erstmals Menschen auf den Mond schoss, alles live im Schwarzweiß-Fernsehen. Auch schoss man auf Menschen, die in Bambushütten weit weg von mir wohnten, und man sah, wie Studenten rebellierten. Damals konnte die Zukunft also nur besser sein als die Gegenwart! Visionen einer besseren Gesellschaft, aber Technologien, die alles besser machen würden, waren ein Garant für eine strahlende Zukunft!
Jedoch, wo stehen wir heute? Es ist nicht so gekommen, wie man Ende der 60er Jahre dachte, oder? Keiner fliegt mehr zum Mond und die Zukunft sehen heute viele wesentlich pessimistischer als die Gegenwart – eher ‚verstrahlt‘ als strahlend. Woran liegt das? Nun, es sind diese scheinbar unlösbaren Probleme, die den Spaß verderben: Umweltverschmutzung, finanzielle Unsicherheit, Arbeitslosigkeit, Burnout usw.!
Der Designer und Forscher Horst Rittel beschrieb jene ja einst als ‚Wicked Problems‘ (ich berichtete): Sie lassen sich nicht abschalten, oft versteht man sie erst, wenn man eine Lösung formuliert, und diese Lösungen sind dann entweder besser oder schlechter, nie richtig oder falsch… Na denn.
Zusammengefasst machen diese Probleme einfach nur Angst! Wicked Problems erzeugen vor allem Unsicherheit. Sie sind richtige Spielverderber, wenn es darum geht, die Zukunft zu gestalten, fordern aber auch die Menschen dazu auf, etwas zu unternehmen. Und dies geht man je nach Kultur unterschiedlich an: Für die Briten ist alles, was unsicher ist, eher eine interessante Sache, die man mit einer gewissen Gelassenheit zu überwinden versucht. (Die Briten haben nicht mal eine Verfassung!)
Für die Deutschen sieht das schon anders aus: Sie neigen dazu, die Unsicherheit außen vorzulassen oder sie ganz und gar im Keime zu ersticken. Sie ziehen sprichwörtlich die Brücke hoch oder reglementieren alles, bis es nichts mehr zu regeln gibt. Sie haben sogar eine Verfassung, wenn die Verfassung außer Kraft tritt – dazu noch DIN, GS und so weiter. Schauen Sie sich mal eine Radlertruppe aus Deutschland an: Helme, Wimpel, Reflektoren, Abstandhalter, Armschoner – und das bleibt so, bis zur holländischen Grenze!
Einmal dort unten, in den Niederlanden, fährt die Mutter mit zwei Kindern vorne und hintendrauf (natürlich alle ohne Helm) und den Einkäufen für eine ganze Woche auf einem klapprigen Rad bei Rot über die Ampel – lächerlich, wer daran denkt, dass da irgendetwas schieflaufen könnte! Wer, wie die Holländer, die meiste Zeit unter dem Meeresspiegel lebt und von Gewässern umgeben ist, entwickelt einen ausgeprägten Opportunismus! Man lernt seine Segel automatisch nach dem Wind zu richten, was auch nicht verwundert: Wenn man Nachfahre von handelnden Seefahrern ist, die zusammengepfercht auf ’nem Kahn von 20 Metern die Welt umsegelten – und das schon vor 500 Jahren! Das färbt ab!
Diese kulturellen Ausprägungen, die u. a. der Holländer Geert Hofstede so treffend analysierte, haben auch Auswirkungen darauf, wie man mit Innovationen und diesen verflixten Problemen umgeht. Für Deutsche ist eine Entwicklung eine ernste Sache: Stringent, beharrlich und zielorientiert gehen sie vor. Ihre Probleme liegen dabei vor allem in der jetzigen Zeit des postindustriellen Zeitalters, in der Flexibilität, Geschwindigkeit und nicht zuletzt Originalität. Die Niederländer stehen Entwicklungen offener gegenüber und sind vor allem für Neuerungen zu begeistern, suchen aber gleich danach, den Konsens zu finden. Sie tun sich schwer, die Dinge auf den Punkt zu bringen, rigide zu sein und etwas Robustes zu schaffen.
Diesen ‚Kulturunterschied‘ sieht man auch an Beispielen aus der Produktwelt: Deutsche Produkte sind technologisch und qualitativ führend, zuverlässig – aber sie sind auch irgendwie seltsam langweilig und technologiezentriert.
Niederländische Produkte sind kreativ, verspielt und menschenorientiert, jedoch oft irgendwie klapprig, nicht so gediegen, nicht auf den Punkt gebracht.
Und gerade die Kombination der genannten Stärken wäre interessant: technologisch führend, kreativ und menschenorientiert sowie qualitativ hochwertig – das hätte was. So könnte man vielleicht auch diese verflixten Probleme lösen.
Da frage ich mich, warum sich gerade nicht die Holländer und die Deutschen mehr zusammentun. Was ist so schwer daran, die Stärken verschiedener Kulturen zu kombinieren?
Denn schlaue Leute haben herausgefunden, dass es drei Wege gibt, diese ‚Wicked Problems‘ anzugehen, wobei sich einer als zielführend erweist:
Möglichkeit 1. Ein Superguru macht’s im Alleingang – leider ist Steve Jobs gestorben, ein neuer ist noch nicht gefunden…
Möglichkeit 2. Man lässt alle gegeneinander antreten, damit der Bessere gewinnt – bei so vielen Wettbewerbern kann das lange dauern…
Möglichkeit 3. Man kollaboriert auf hohem Niveau und nutzt die jeweiligen Stärken im Verbund!
Klar, dass herauskam, dass die dritte Option die beste ist: Leider, so heißt es auch, ist sie am schwierigsten durchzuführen…
Und warum ist das so? frage ich mich. Die Vorteile liegen doch klar auf der Hand: Ein niederländisch-deutscher ‚Innovation-Funnel‘ wäre allen anderen glatt überlegen; es würde ein regelrechtes ‚push-and-pull‘-Modell erstehen, eine Innovationsmaschine sondergleichen! Stellen Sie sich das mal vor! Siemens, mit der Designkompetenz von Philips… Philips, mit der Qualitätskompetenz von Siemens… Muss ich noch mehr sagen?
Worauf wartet man noch? Die EM ist vorbei, die WM ist erst wieder in 2 Jahren!
lieber herr Baars,
Als Holländerin in Deutschland habe ich, meine ich, doch schon einen Anfang gemacht mit der Zusammenarbeit? Aber 37 Jahre in diesem Land haben bewiesen das Ihre Idee einen Wunschtraum gleicht. Aber wer weis? vielleicht werden wir mal gezwungen umzudenken? Ich bewundere Ihre Ideen und werde selber versuchen mit zuspielen und gebe meine Deutsche Nachbarin Ihren Idee als Lesestoff!
Liebe Frau van’t Hof,
vielen Dank für das Lob und die Weiterempfehlung!
Wunschträume sind oft die Mutter aller Neuerungen, also träume ich mal schon weiter 😉 Ich wünsche Ihnen noch viele schöne Jahre als Holländerin in Deutschland, Sie werden gebraucht!