ins herz

Es sei eine ‚kopernikanische‘ Wende, so Götz Werner kürzlich in einer Rede, wenn man das bedingungslose Grundeinkommen einführen würde. Es wäre ein gesellschaftlicher Wandel, wenn man sich wieder auf das zurück besinnt, was diese Gesellschaft, als ökonomisches System, einst gebildet hat: nämlich auf das Vertrauen. Denn Vertrauen bildet die Grundlage unserer Wirtschaft; Indem wir reale Werte (Arbeitsleistung, Erzeugnisse, Lebensmittel) gegen abstrakte Werte (Geld, Kredit) eintauschen können und umgekehrt, können wir ein Wirtschaftssystem aufbauen. Ohne Vertrauen auf ein gutes Ende funktioniert so ein System nicht, etwas dass man besonders in Krisenzeiten erleben kann: Da gibt’s für eine Rolex ein Pack Butter, wenn man Dir traut.

Das Vertrauen, vor allem in den Mitmenschen, ist allerdings von jeher eine zwiespältige Angelegenheit. Wir vertrauen blind darauf, dass das Geld einen Wert hat (oder kontrollieren Sie, ob Ihre Geldscheine ‚echt‘ sind?), aber wir misstrauen der Motivation unserer Arbeitnehmer und geben ihnen den Lohn erst nach getaner Arbeit. Wir vertrauen darauf, dass das Produkt, das wir von einem uns ‚unbekannten‘ Händler kaufen, leistet was es verspricht (oder lesen sie etwa das Kleingedruckte im Vertrag?). Anderseits misstrauen wir aber ‚bekannten‘ Menschen, wie z. B. unseren Arbeitgebern und den Politikern, das auch sie halten, was sie versprechen.

Was für eine Welt, wo Menschen etwa Marken mehr vertrauen als den Nachbarn, oder dem Staat, in dem sie leben! Viele sehen hierin ein großes Problem und den Grund für weitaus größere. Und in dieser Stimmung des Misstrauens sehen viele Menschen gerade in den Designern jene, die durch geschickte Manipulation, Marken und Produkte so gestalten können, dass sie sich das Vertrauen der Menschen ‚erschleichen‘, indem sie deren Bedürfnis nach Identifikation und Zugehörigkeit schüren. Und da ist was dran; Es ist aber auch ein Zeichen dafür, wie wir Menschen nun mal ticken: Eben nicht wie Maschinen – rein logisch getaktet – sondern vielmehr in einer emotional gesteuerten Weise. Wenn man sich den aktuellen Hype um die Marke Apple anschaut, könnte man glauben, dass Design tatsächlich das Vertrauen der Menschen in etwas steigern kann und auf diese Weise Identität erzeugt und Zugehörigkeit stiftet.
Und da stellt sich natürlich die Frage, ob das so sein darf. Ist das Vertrauen in eine Marke etwa eine neue Form eines meta-physischen Glaubens? Ist Apple etwa eine Kirche? Sind die Harley-Davidsons, Porsches oder auch Chucks etwa die neuen Götter die wir brauchen?

Die heutige Zeit markiert ein Zeitalter, in dem es bereits verschiedene ‚kopernikanische‘ Wenden gibt: Mit dem Eintritt in das post-industrielle Zeitalter verlassen wir nämlich eins, das vom physikalischen Glauben und dem Vertrauen in logische und technische Systeme geprägt war.
Jetzt fragen sich viele, wohin sich dieser ‚Glaube‘ weiter entwickelt und wie sich dies auf das Wirtschaften auswirkt. Für viele Idealisten [und da schließe ich mich mit ein] geht’s in eine menschlichere Zukunft!
Doch die seit über tausenden von Jahren etablierte hierarchische Gesellschaftsstruktur, die im industriellen Zeitalter kulminierte, hat tiefe Spuren hinterlassen. Sie hat dieses kontrollierende, maschinelle Wirtschaften geschürt, in dem der Mensch zwar am Anfang (als Industrieller), in der Mitte (als humanes Kapital in der Entwicklung und Fertigung) und am Ende der Prozesskette (als Konsument) steht: Für den Menschen wird jedoch selten gewirtschaftet. Bei der Frage nach dem ‚Warum‚ im Wirtschaften heisst es nach wie vor meist „für den Teilhaber“ und nicht „für die Beteiligten“.

Das Vertrauen in die Unfehlbarkeit einer rationalen Denke, der genauen Wissenschaft und logischen Entwicklung dominiert, die (industriellen) Unternehmen bis auf den heutigen Tag und färbt ab auf alle Aktivitäten, die sie durchführen – vor allem darauf, was sie entwickeln und wie sie produzieren. Sogar Dienstleistungsunternehmen, die doch gar nichts Physisches produzieren, sind heute Hochburgen des industriellen, logischen und deduktiven Denkens! Schauen Sie sich die vielen Banken, Versicherer, die Telekommunikationsunternehmen oder auch Handelsbetriebe an und wie schwer viele sich damit tun, ihr industrielles Denken zu überwinden und sich dem Wandel in der Gesellschaft zu öffnen, flache Strukturen zu etablieren und vor allem ‚menschlich‘ zu denken. Das wäre ein Denken, das den Menschen nicht als Teil einer Abfolge von industrialisierten Abläufen sieht, sondern als Ausgangspunkt und Sinn eines unternehmerischen Handelns. Die grosse Herausforderung liegt jetzt darin vornehmlich ‚menschlich‘ zu Handeln und zu Denken, statt nur technologisch. Etwas, das nicht nur im Bankgeschäft Sinn machen würde…

Götz Werner beschreibt in seiner Rede dieses Denken als ‚ganzheitlich‘ und sagt, dass wir „neu denken müssen, wenn wir diesen Wandel wirklich bewirken wollen“. Er sagt, „wir müssen zuerst denken und dann fühlen… von dem Kopf ins Herz.“
Wohl ohne, dass er es wusste, beschrieb er damit eine Denkweise die sich jetzt langsam aber sicher in den Köpfen der Businesstreibenden ausbreitet: Mit ‚Design Thinking‘ wird nicht nur gedacht, sonder auch gefühlt und abstrahiert, wenn es darum geht, neue und für Menschen relevante Unternehmen und Produkte zu gestalten.
Diese ganzheitliche Vorgehensweise gewinnt bei Unternehmen immer mehr Anhänger: Nicht nur weil es eine ethische Pflicht wäre, den Menschen in den Mittelpunkt ihrer Aktivitäten zu stellen, sondern auch, weil es ihnen auf langer Sicht handfeste Vorteile bietet und nachhaltigen Wohlstand für sich und die Beteiligten sichert.

Mein Großvater, der Obstbauer, hätte wohl nicht soweit ausgeholt und stattdessen gesagt: „Dafür, mein Junge, braucht man keine Wissenschaft, sondern gesunden Menschenverstand!“ Den jedoch, kann man nicht einfach kaufen, den muss man fühlen: Vom Kopf ins Herz!

Vortrag von Götz Werner:

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  1. harald auer sagt:

    `Welt-Klemptner`
    Hi Jan-Erik! Ich möchte den `DesignThinking` Begriff und `ganzheitliches Denken` noch etwas weiterspinnen…
    Aktuell wird leider von vielen Unternehmen noch allzu oft nur `kurzfristig angedacht`, wie man den eigenen Profit erhöhen kann. Da am Ende immer jedes einzelne Individuum selbst steht (man erinnere sich: „Wenn der letzte Baumgefällt ist….wird man feststellen, dass man Geld nicht essen kann“), ist das einfach zu wenig. `Weiterdenken` und `zu Ende Denken` fehlt mir da größtenteils noch. Bestes Beispiel dafür ist die aktuelle E-Euphorie. Von Politik und Industrie gepusht düsen immer mehr E-Bikes und E-Cars mit „vermeintlich sauberem“ Strom aus der Steckdose durch die Gegend. Dass der Energiebedarf dabei explodiert und der Strom noch immer mehrheitlich aus Kalorischen-, Wasser- und Atomkraftwerken kommt wird einfach ausgeblendet. Leider gibt es das perpetuum mobile noch immer nicht und so lange nicht Strom aus mehrheitlich nachhaltiger, ökologischer Energie existiert, die weniger kaputt macht als sie bewirkt, ist das alles eine gaanz große Öko-Lüge.
    Gerade hier sehe ich in Zukunft wieder ganz stark die Rolle der DesignerInnen, die möglichst konventionslos und interdisziplinär zumindest theoretisch Visionen und Szenarien fertig denken können. Was fehlt ist noch das Umfeld, das ohne kurzfristigem, finanziellem Interesse – einerseits selbstlos und dennoch mit dem Hintergedanken, dass immer wir (und auch SIE!) selbst am Ende stehen – diese Denkprozesse unterstützt. Da fallen mir eigentlich nur die Unis als einigermaßen unabhängige Institutionen dazu ein, auch wenn auch diese teilweise von Fördergeldern abhängig sind. Wie ist das bei Euch in Luzern? Gibt es da kein Institut für (Zukunfts) Szenarienforschung?
    Bei staatlichen Forschungsinstitutionen und Fachhochschulen wird’s nämlich schon wieder schwierig, da diese viel zielorientierter und konkreter für die Industrie arbeiten. Und Industrie bedeutet gleichsam reines Eigeninteresse.
    Wo sind all die Filmstars, sonstigen Promis und Mäzene, die soviel Geld haben, die anstatt es zu verschenken, damit zumindest ansatzweise die Welt retten könnten?!
    Ich denke, die gibt diese sogar zur Genüge. Der Kreis schließt sich allerdings wieder beim Individuum Mensch – und es gibt eben nicht nur Gute – der schlussendlich immer wieder narzisstisch, an den eigenen (finanziellen) Vorteil denkt. Man denke nur an die vielen tolle Projekte (zB. Menschen für Menschen) und grundsätzlich altruistisch angelegten Institutionen wie zB. auch die EU!, die leider alle irgendwann von den sie tragenden Individuen ad absurdum geführt werden. Das menschliche Individuum ist eben kein perfektes, daher wird auch das environment bzw. government nie ein perfektes sein. In diesem Sinne fällt mir wieder einmal das berühmte Churchill Zitat: (Original engl.: „No one pretends that democracy is perfect or all-wise. Indeed, it has been said that democracy is the worst form of government except all those other forms that have been tried from time to time.“ – Rede vor dem Unterhaus am 11. November 1947
    Die Welt ist wahrscheinlich einfach zu komplex geworden, um sie „neu zu denken“. Was uns bleibt ist nur mehr „das Reparieren“…
    Lg harald

  2. Hoi Marcel,
    vielen Dank für das Lob. Du, wenn Android kommt, gibt’s dann auch ein Herdenverhalten? Und wenn nicht, worin liegt da der Unterschied?

  3. Marcel. sagt:

    Das flammende Plädoyer für mehr Design Thinking, aka „menschenorientiertes Vorgehen“ ist dir prächtig gelungen, chapeau! Noch ein Wort zum erwähnten aktuellen Apfel-Hype: ist wohl mehr ein degeneriertes Herdenverhalten als das dieses temporäre Kultphänomen irgendwie mit einem wie auch immer gelagerten „Denken“ zu tun hätte…kommt Zeit, kommt Android 😉