werden

Wussten Sie mit 17 auch noch nicht, was Sie werden sollen? Nun, ich auch nicht, und gute dreißig Jahre nach mir meine Tochter auch nicht. Eigentlich kein Wunder, denn wer will schon mit 17 etwas werden, nur weil andere das wollen!

Ist es nicht erstaunlich, dass man erst mit der erfolgreichen Aufnahme einer beruflichen Laufbahn davon spricht, dass jemand etwas ‚geworden’ ist? „Na, Bursche, was willst Du denn mal werden, wenn Du groß bist?“, so oder ähnlich hört man schon, bevor man Eins und Eins zusammenzählen kann. Als Kind sprudeln dann die Zielbilder einer Kindergedankenwelt hervor, wonach wir alle Lokführer, Astronauten, Prinzen, Tierärzte oder Feuerwehrmänner wären, jeweils in männlicher und weiblicher Ausführung, versteht sich.

Als meine Tochter noch nicht zur Schule ging, hatte sie eine klare Vorstellung davon, was sie sei und dementsprechend auch immer bleiben würde: „Ich? „Ich bin eine Hanna!“, antwortete sie jedem, der sie danach fragte. Jetzt, nach 10 Jahren Schule, weiß sie es nicht mehr und fragt andere, was sie werden könnte.

Geboren werden wir als einzigartige Individuen mit entsprechenden Ecken und Kanten, aber dann werden wir sukzessiv normiert, sodass wir in die Funktionen unseres Wirtschaftssystems passen, um ihre Maschine am Laufen zu halten. Wer nicht in eine solche Funktion hineinpasst, eckt an, stört das System.

Natürlich gibt es jene unter uns, die schon früh ihre ‚Berufung’ gefunden haben und ihre Neigung mit einem Berufsbild, ob bestehendem oder neuem, vereinen können. Die ‚brennen’ dann für ihr Fach: Von solchen Menschen möchte man eine neue Heizung installiert haben, die Zähne repariert bekommen oder ein neues Erscheinungsbild für die Firma erhalten. Doch für die meisten unter uns bleibt die Gestaltung einer beruflichen Betätigung, die Sinn macht, eine immens große Hürde – eine, an der leider viele kläglich scheitern. Dann steht man vor den vielen ‚Funktionen‘ der Wirtschaft oder Gesellschaft, kann sich aber nicht vorstellen, in eine hineinzupassen.

Dieses Funktionsdenken wirkt extrem stark auf die Jüngeren, denen man nach wie vor vermittelt, dass sie gefälligst eine eindeutige Funktion ausüben müssen, wenn sie etwas werden wollen. Schon 17-jährige können daran verzweifeln… und als Eltern fragt man sich, was man dagegen tun kann, wohlwissend, dass der Rat der Eltern bei 17-jährigen oft den gleichen Effekt hat wie Öl aufs Feuer zu gießen.

Schön wäre es, wenn die Schulen hier helfen könnten! Sie könnten, auf der Grundlage pädagogischer Kompetenz und einer gewissen Distanz im familiären Sinne, die Heranwachsenden darin unterstützen, die berufliche Laufbahn als das zu sehen, was sie ist: als eine Bahn, auf der man sich fortbewegt, nicht stillsteht, herumkommt, die Welt entdeckt, sich selbst immer weiter entwickelt, nie auslernt. Dass die Schulen sich hierin schwer tun, scheint klar, denn sie müssen ein Industriedenken überwinden, das sich tief in die Gesellschaft eingefressen hat. Nicht jede Schule kann und will das: Die meisten laufen der gesellschaftlichen Entwicklung hinterher, selten prägen sie sie. Nicht verwunderlich, dass wir eine Schulpflicht haben: Wäre die Schule cool und für jeden Einzelnen relevant, ginge doch eh jeder freiwillig hin?

Ich finde den Gedanken spannend, dass junge Menschen die Schule verlassen und danach motiviert sind, mit neuen Impulsen und engagiertem Wissen ihre Gesellschaft weiterzuentwickeln. Was ich jedoch beobachte, ist, dass junge Menschen diese Impulse erst lange nach ihrer Schulzeit entwickeln, wenn überhaupt. Dabei ist klar, dass eine Gesellschaft immer nur so gut sein kann wie das Potential und die Impulse ihrer Teilhaber.

Oft setzen sich Eltern dafür ein, dass sich die Schulen verbessern, und das tun sie meist erst, wenn sie an den eigenen Kindern erleben, was die Schulen nicht schaffen. Denn die Grundlage für die Entwicklung wirklich relevanter Kompetenzen wird in der Schulzeit gelegt: „Was Hänschen nicht kann, lernt Hans nimmer mehr.“ Diese relevanten Grundlagen für die Zukunft sind Neugierde, Motivation, Teamfähigkeit und Toleranz. Genau das, was viele Eltern im Job brauchen und einbringen müssen. Im Stundenplan meiner Tochter suche ich vergeblich. 

Ist die Schule überfordert? Muss etwa die Politik eingreifen? Müssen alle Eltern mitmachen und sich noch mehr beteiligen? Oder sind vielleicht genau jene gefragt, die selbst keine Kinder haben? Hilft es, wenn ich beim nächsten Elternabend meine kinderlosen Kollegen schicke, damit sie mal ordentlich einheizen? 

Es betrifft doch uns alle: Wir können doch nicht im Ernst glauben, dass wir unsere Welt zum Besseren gestalten, wenn wir unseren Nachwuchs nicht auf die Zukunft vorbereiten, wie wir es selbst gelernt haben. Denn was heute immer noch nicht besser ist als vor 40 Jahren, ist das Vertrauen, das man in die Jugend setzt. Man glaubt immer noch, man müsse sie ausbilden, statt sie zu bilden. Ausgebildet ist der Mensch bei seiner Geburt, danach kann man ihn nur noch weiterbilden, ihn auf eine Rolle in der Gesellschaft vorbereiten, die er selbst gerne und motiviert ausfüllen kann – für die er ‚brennt‘, ohne dabei zu verbrennen.

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