warum
Es ist ein wahres Wettrennen entstanden, wer die Welt in der einfachsten, zugleich umfassenden Art zu beschreiben vermag. Da sich unsere Aufmerksamkeitsspanne dank des Internets und Millionen von Postings pro Minute nurmehr auf einige Page Impressions pro Tag beschränkt, wird all das, was prägnant und einfach heraussticht, bevorzugt. Längere und ausschweifende Texte brauchen Zeit, die kaum noch jemand zu haben scheint.
Für viel Furore in der kurzlebigen Internet-Gemeinschaft hat Simon Sinek* gesorgt, als sich ein Mitschnitt seiner Präsentation zu einem viralen Hit entwickelte. Was er kund tat? Eigentlich das, was wir alle schon wissen, aber nur in einfacher, schnell zu konsumierender Form: Die Grundlage für erfolgreiches Wirtschaften, so seine These, ist nicht das WAS man tut, sondern WARUM man es tut. Den Zusammenhang der beiden Aspekte skizzierte er Flipchartgerecht in drei Kreisen auf, wobei das WHY? zentral in der Mitte steht, außen das WHAT. Er nennt es den „Golden Circle“. Dies auch, weil eine weitere These lautet, dass das WHY im Kern inspirierender Unternehmen steht: Ich kann dem nur beipflichten!
Als ich diese Präsentation sah, dachte ich sofort an die vielen Flipcharts, die ich genauso bedeutungsschwanger vollgemalt hatte und die auch von mir stammen könnten – rede ich schon seit Jahren vom WHY, WHAT und HOW… Da war dieser Sinek mir zuvorgekommen, oder hatte er einfach bessere Vermarktungsgene? Vermutlich führt Letzteres zum Ersten.
Was dieses prägnante Modell jedoch leistet, ist, losgelöst von der Frage nach der Urheberschaft, recht beachtlich: Es setzt sich im Hirn fest und entwickelt sich zu einem allgemein gültigen Modell, mit dem man vielen Sachverhalten dieser Welt auf den Grund kommt. Es beschreibt unter anderem einen Pawlowschen Effekt, der sich immer dann entfaltet, wenn wir vor einem Problem stehen, ganz so wie das Sabbern eines Hundes vor dem Fressnapf: Wir bekämpfen immer zuerst das Symptom, bevor wir uns der Ursache widmen!
In Sinek’s Modell ist das WAS daher außen: Wir hinterfragen immer zuerst das WAS, bevor wir uns die WARUM-Frage stellen!
Dieser Fokus auf das Außere oder die Oberfläche dominiert unsere Sicht auf die Welt. Das, was im Zentrum oder besser noch im Verborgenen liegt, entzieht sich unserem Interesse – aber genau dort liegt die Antwort auf das WARUM! Den wenigsten scheint es dabei so zu ergehen wie Faust, der unbedingt wissen möchte, was die Welt im Inneren zusammenhält. Für gewöhnlich stürzen wir uns sofort auf das Symptom und sind zufrieden, wenn wir es aus dem Weg räumen. Ursachenbekämpfung ist nun mal eine langwierige und schwierige Sache und die Auswirkung eines Problems ist nun mal das, was stört!
Wohl auch deswegen tun sich z.B. Studierende schwer, bei einer Recherchearbeit neben der Frage, was alles ein Problem ausmacht, auch zu hinterfragen, warum dies so ist. Deswegen fragen viele auch nach dem, was sie tun müssen, die wenigsten aber nach dem, warum es gut für sie ist. Das ist ihnen während der Kindheit offensichtlich schon ausgetrieben worden…
Dabei ist es so offensichtlich, dass man mit der Warum-Frage viel weiterkommt! Wenn Sie z.B. wissen wollen, wie eine Marke es schafft, loyale und motivierte Kunden hinter sich zu scharen, dann schauen Sie nicht auf das, was diese Marke tut, sondern darauf, warum sie es tut und ob sie dabei in der Umsetzung konsistent und konsequent vorgeht. Spätestens dann wird man merken, dass man das Was schnell kopieren kann, das Warum eher nicht. Und genau dort macht ein Unternehmen den Unterschied und schafft damit Sinn für seine Mitarbeiter und seine Kunden.
Wer ein nachhaltiges und gesundes Unternehmen baut, beginnt mit dem Warum, dem Sinn: Dabei ist es egal, ob das Warum im Zentrum oder an der Basis eines Modells steht, ob man vom Warum nach außen geht oder darauf aufbaut. Somit würde ich sagen, dass mein Eisberg locker mit dem ‚Golden Circle‘ von Sinek mithalten kann: Hauptsache, man hat das Warum im Sinn!
* Sinek, S. (2009), Start with why: how great leaders inspire everyone to take action. Penguin Group, New York, N.Y
