rettet design die welt?

Risikovermeidung ist in aller Munde, nicht nur, seit wir alle befürchten, dass uns nun dasselbe Schicksal treffen könne wie den Menschen in Japan.
Die kollektive Angst, die gerade in Deutschland auf fruchtbarem Boden gedeiht, hat eines unserer Grundbedürfnisse nur noch weiter gestärkt: Wir wollen unbedingt, dass unser Leben so weitergeht, wie wir es gerade erleben oder uns vorstellen – geregelt, sicher, glücklich und gerecht.

Daher lassen unsere Politiker auch nichts unversucht, uns dieses Grundbedürfnis zu garantieren – Hauptsache, wir wählen sie!
Inzwischen weiß man, dass, egal ob Rot, Schwarz, Gelb oder Grün, jeder sich unserer Grundbedürfnisse bedient, um die Wähler hinter sich zu scharen. Da schwingt je nach Unsicherheit mal das Pendel von Wohlstand (im finanziellen Sinn) zu Gerechtigkeit (im sozialen Sinn) hin zur Sicherheit (im ökologischen und gesellschaftlichen Sinn).

Und die Wirtschaft tut dasselbe: Auch sie verspricht uns die ‚Sicherung‘ aller unserer Bedürfnisse.
Und mit jeder Stufe, die wir auf der Maslowschen Bedürfnispyramide erklimmen, scheint sich die Natur der Unsicherheit zu nähern: Nachdem wir uns schon lange keine Sorgen mehr machen müssen, etwas zu essen zu bekommen, machen wir uns jetzt Sorgen, ob das Essen uns nicht nachhaltig schadet. Wo es inzwischen selbstverständlich ist, dass wir Energie nutzen, um die Arbeit zu erleichtern, scheint uns die Arbeit umzubringen. Wo heute jeder denken kann, was er möchte, fürchten wir uns vor den Gedanken mancher Menschen. Und wo heute jeder endlich sich selbst verwirklichen kann, vereinsamen wir zusehends.

Was ist das für ein Phänomen, dass wir mit jedem weiteren Fortschritt auf dem Bedürfnisleiter uns scheinbar weiter vom Ziel entfernen?
Vielleicht ist es genau diese zugrunde liegende Unsicherheit, die unseren Fortschritt vorantreibt, und wir sind dementsprechend in einem Teufelskreis gefangen: Wir können nicht anders, als uns bei jedem Schritt vorwärts zu fragen, ob es uns wirklich voranbringt. Vielleicht wissen wir einfach nicht mehr, wohin uns der Fortschritt führen soll, weil uns die Visionen fehlen?

Unsere Vorfahren waren stets von der Vision einer besseren Zukunft getrieben, hatten sie doch noch einige Stufen zu erklimmen. Diese Visionen halfen daher auch, die vielen sehr rudimentären Unsicherheiten zu überwinden. Jetzt, wo wir oben angekommen sind, scheint es, als ob diese Visionen nun fehlen und die Unsicherheiten viel größer sind als je zuvor… Da frag ich mich, ob ein Design-Denken hier helfen kann, neue Visionen einer besseren Zukunft zu artikulieren, um damit die Unsicherheiten zu meistern?

Der Nobelpreisträger und Sozialwissenschaftler Herbert Simon gab vor gut 40 Jahren eine umfassende Definition des Begriffes Design ab: Er sagte, dass all jene „designen“, die Abläufe entwickeln, um das Bestehende zum Besseren zu verändern. Das Design, so Simon, beschäftigt sich nicht mit ‚Was ist‘, sondern mit ‚Was sein könnte‘.
Natürlich ist hiermit viel abgedeckt, denn auch das Nagelstudio in der Stadt kann sich das irgendwie auf die Fahnen schreiben – auch dort kann man etwas zum Besseren verändern… Design ist und bleibt ein schwammiger Begriff, unter dem sich viel zusammenfassen lässt.
Aber was diese Definition gut erfasst, ist die Motivation, die man dem Design unterstellt – Abläufe zum Besseren zu verändern. Dies beinhaltet eine Grundhaltung, sich mit dem, was ist, nicht zufriedenzugeben, und ein ausgesprochenes Bedürfnis, einzugreifen. Designer sind also Weltverbesserer – da haben wir es.

Das starke Bedürfnis, zu verbessern oder zu verändern, liegt wohl auch daran, dass Designer in der Regel empfindsame und einfühlsame Charaktere sind, die sich daher schnell von unästhetischen und unkorrekten Sachverhalten angegriffen fühlen. Und tatsächlich haben viele Designer diese Grundhaltung: Sie betrachten die Welt und sehen, dass „es nicht gut ist“. Immerzu gibt es Dinge, Abläufe, Dienstleistungen und Systeme, die offensichtlich ihr Ziel verfehlen: Produkte, die nicht brauchbar sind, Dienstleistungen, die nur dem Umsatz des Anbieters dienen und Kundenerlebnisse, die bruchhaft sind, statt zur Weiterempfehlung zu animieren.

Vor allem ist das, was die Wirtschaft der Umwelt antut, vielen Designern ein Dorn im Auge: Trotz der vielen Möglichkeiten ist Nachhaltigkeit eher die Ausschmückung vieler Produkte, aber bei Weitem noch keine allgemeine implizite Eigenschaft. Das alles kann viel besser und deswegen muss man, gemäß der Definition, eingreifen! Da entwickelt sich der Designer als Verbesserer von Produkten und Dienstleistungen, zugleich als Antreiber einer nachhaltigen, ökologischen Wirtschaftsgestaltung. Designer sollten in der Lage sein, vor allem durch ihre empathischen und kreativen Fähigkeiten, das Konzept einer besseren Welt so zu gestalten, dass wir uns nicht vor Angst bibbernd vom Fortschritt abmelden müssen.

Die Frage nur ist, was ein Konzept leisten muss, um ein Vorausblicken zu fördern und als Vision zu wirken, und wie es gestaltet sein muss, damit es angenommen wird? Will die Wirtschaft das, oder lässt sich gerade in Zeiten von Unsicherheit gute Geschäfte machen? Oder sind Designer darauf angewiesen, dass es einen inhaltlichen Anstoß gibt, den sie dann weiter ausgestalten?

Wer fängt an, die Henne oder das Ei?

Schreibe einen Kommentar