Otl Aicher 100 Jahre

Design ist immer nur so gut wie sein Gegenüber – das Management. Umgekehrt gilt das gleiche. Erst wenn in einer Organisation die selbstverständliche Freiheit herrscht, Entwurf und Gestaltung ihren Lauf zu lassen, und im Umkehrschluss die Gestaltung den Zweck der Unternehmung begreift und begründet und als Zielgröße anerkennt, entsteht ein Zusammenspiel zwischen Gestaltung und Verwaltung, das wertfördernd ist.

Otl Aichers Ansichten und Methoden sind noch immer richtungsweisend, wenn es darum geht, Gestaltung in einem Verwaltungskontext zu entwickeln. Sein Umgang mit Gestaltung – die Verbannung des Stils und dessen Ersetzung durch Erkenntnisse, mit denen Organisationen selbstbestimmt ihre originäre Geschichte erzählen können – ist heute aktueller denn je. Aichers effektivstes Werkzeug war jedoch er selbst, seine Persönlichkeit, sein Intellekt, seine Haltung. Doch wo bekommen wir einen Aicher her, wenn wir seine Philosophie in die Zukunft tragen wollen und wenn diese so sehr an die Person gebunden ist? Nach seinem zu frühen Tod im Jahre 1991 begann eine Zeit, die von Design-Autoren dominiert wurde, von Design-Gurus, die, aus der Perspektive einer Künstlerpersönlichkeit, den Unternehmen eine Gestaltung verpassten. Nur sehr wenige hatten das Format eines Otl Aichers; viele spiegelten eher das wider, was Aicher vermeiden wollte: den persönlichen Stil.

Jetzt, in der Hochzeit der Digitalisierung, sind die Design-Autoren verschwunden, die Unternehmen entscheiden und handeln digital, die Gestaltung dient der Aufmerksamkeit, nicht der Nutzbarkeit. Design ist ein Gemeingut geworden, das flächendeckend eingesetzt wird – vorrangig jedoch so, wie Aicher es immer bemängelte: nachgelagert, schmückend, attraktivitätsorientiert. Jeder Manager weiß inzwischen, wie er Design für sich nutzen kann, wie er es einsetzen kann, um den Absatz zu fördern. Wenige jedoch wissen, wie sie Design selbst anwenden müssen, um die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit sich ein wirklich selbstverständliches Design einstellen kann. Die wenigsten sind vom Schlage eines Jürgen W. Braun[1]und leisten sich „drei Lehrjahre plus zwei Gesellenjahre“[2], um auf Augenhöhe zu gelangen. Die meisten Manager glauben, der Einkauf kann das für sie erledigen. Ein Verwaltungsdenken lässt Design als Beschaffungsgut, als Dienstleistung erscheinen, und dass es so wahrgenommen wird, rührt vor allem auch daher, dass die Designer dieses Verhalten fördern: Viele bieten sich als Dienstleister an, nicht als gleichwertige Partner.

Im Rückblick auf die Person Aichers und seine Arbeitsweise stellt man fest, dass dieser seiner Zeit voraus war – oder dass die Zeit nach ihm nicht wirklich weitergekommen ist. Eine Forderung Aichers scheint immer noch nachzuhallen: Design muss man begründen, „hier wäre ein design gefragt, das kritisch ist, dinge in frage stellen kann, das analytisch ist und wurzeln aufdecken kann.“[3] Damit diese Rolle des Designs gegeben ist, müssen die Designer auf Augenhöhe mit allen anderen Funktionen in einem Unternehmen agieren, muss das Design ins Zentrum der Unternehmenskultur gelangen. Damit es dort ankommt und dort bleibt, müssen wir das Vermächtnis Aichers in unsere Zeit überführen. Nicht indem wir einen neuen Aicher finden, sondern indem wir uns die Haltung und Philosophie seiner Herangehensweise zu eigen machen und diese in unserer Arbeitsweise abbilden. Dabei müssen die Gestaltung und die Verwaltung gleichberechtigt und gleich wichtig nebeneinandergestellt werden. Design und Management müssen einander ergänzen und sich nicht voneinander abgrenzen.

Gerade in der jetzigen verwaltungsdominierten Zeit zeigt sich das Ungleichgewicht: Gestaltung wird verlagert, in die Zukunft verschoben, abgegrenzt, aufgehoben. Es gilt nur das, was sich verwalten lässt, was Sicherheit verspricht, was zu kontrollieren ist. Aichers Stimme würde in dieser Zeit gewaltig brummen. Er schrieb: „wir sind allesamt opfer von institutionen, die es besser wissen.“[4] Im Verwaltungsdenken sah er die immanente Tendenz, die Vernunft zu pachten, das Rationale in den Vordergrund zu stellen. Wie die Vernunft, glaubte Aicher, will das Verwaltungsdenken die Totalität. Bezogen auf das institutionelle Denken und die Vernunft schrieb er: „sie duldet nichts unvernünftiges neben sich“.[5]Doch jeder Entwurf ist im Grunde unvernünftig, wird in die Welt geworfen und gibt uns so die Möglichkeit, Neues und Besseres zu gestalten. In einer Welt der Verwaltung bleibt alles stehen, werden Probleme kontrolliert. Wirklich lösen kann man die Probleme, die sich uns stellen, nur mit Design. Denn, „im entwerfen kommt der mensch zu sich selbst. anders bleibt er beamter.“[6]

Wenn es etwas gibt, das Aicher als Vermächtnis hinterlässt, dann ist es vor allem der Appell an die Freiheit im Geiste und im Tun, dass wir entwerfen müssen, wenn wir weiterkommen wollen. Aufgewachsen in einer Zeit, in der die Zukunft nur besser sein konnte als die Gegenwart, war es für Aicher eine Verpflichtung, die Welt zu einer besseren zu gestalten. Jetzt, wo die Zukunft dunkler scheint als die Gegenwart, neigen wir zur Kontrolle und Absicherung, zur Vermeidung von Entwurf, zur Ausschmückung des Status quo. Wir benötigen Menschen wie Otl Aicher, ganz dringend.

Auszug aus dem Buchbeitrag „Zwischen Gestalten und Verwalten“ in „Otl Aicher – Designer. Typograf. Denker.“, erschienen im Prestel Verlag, Mai 2022.
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[1] Ehemalige Geschäftsführer des deutschen Herstellers von Tür- und Fensterbeschlägen FSB.

[2] Jürgen W. Braun in: Jürgen W. Braun und Sepp Landsbek, Visuelle Kommunikation, Köln 1995, S. 7.

[3] aicher „krise der moderne“, S. 24.

[4] otl aicher, „nachwort“, in: aicher welt als entwurf, S. 196f., hier S. 196.

[5] Ebd.

[6] aicher „welt als entwurf“ (wie Anm. 26). S. 194.

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