kritisch

Er konnte sich einfach nicht mehr halten und brach in ein lautes Gelächter aus. „Wie doof sind die denn!“, prustete er hervor und schüttelte fassungslos den Kopf. Ganz anders die Kollegen der Fakultät Musik, die ebenso fassungslos auf die Kollegen der Wirtschaft starrten – „Wie kann man nur“, werden sie gedacht haben.

Während eines Weiterbildungsseminars war es Aufgabe, ein passendes und gerechtes Bewertungssystem für Studentenarbeiten zu entwickeln. Und da bei der Kunst und in der Musik die sogenannte Musikalität, oder auch ‚der künstlerische Ausdruck’, eine große Rolle spielt, wurde die Option vorgebracht, diesen Aspekt nicht ausschließlich von den Dozenten zu bewerten. Denn das Problem sei, dass die Bewertung der Musikalität oft subjektiv ist: Würde z. B. Auch wenn der Student seine Leistung bewerten würde, käme ein ‚objektivierender‘ Effekt hinzu.

„Wieso ist das doof?“, wollte der Dozent vom Kollegen aus dem Bereich Marketing wissen: „Die meisten Studenten setzen sich halt hohe Ziele!“ „Es geht doch nicht um die Note, sondern um das Können!“

Für den Kollegen Marketing war es sonnenklar, dass man, wenn man die Gelegenheit hat, sich selbst zu bewerten, dies als Vorteil nutzt: Schließlich spielt die Note eine wichtige Rolle und kann darüber entscheiden, ob man weiterkommt oder eben nicht. Und wenn man 20% der Gesamtnote selbst bestimmen kann, dann ist man halt ‚doof‘, wenn man diese Gelegenheit nicht zu seinem Gunsten nutzt.

Als der Kollege Chorgesang berichtete, dass die Selbstbenotung eh grundsätzlich schlechter ausfällt als die Fremdbenotung, konnte der Kollege Marketing nur noch mit dem Kopf schütteln. Spätestens da bereute ich, dass ich keine Kamera aufgestellt hatte, um das Ganze auf Video festzuhalten: Eine so klare Darstellung der Unterschiede zwischen den Auswirkungen von intrinsischer und extrinsischer Motivation bekommt man selten geboten!

Was die Situation aber umso spannender machte, war die räumliche Nähe dieser doch so verschiedenen Ansichten, die unter dem Dach einer Lehranstalt vereint waren. Sofort fühlte ich mich in die Zeit zurückversetzt, als ich noch unter dem Dach eines Weltkonzerns ähnliche Situationen erleben konnte: Designer in einem Umfeld, geprägt vom klassischen ökonomischen Denken, werden derweil ebenso belächelt, und im Umkehrschluss werden die Wirtschaftler von den Designern ebenfalls nicht verstanden. Kein Wunder daher auch, dass die jährliche Mitarbeiterbefragung in der Designabteilung immer das schlechteste Ergebnis im ganzen Konzern vorweisen konnte – vielleicht konnten die Designer nicht anders, als sich selbst kritisch zu bewerten! Bei der Auswertung der Umfrageergebnisse war die Entrüstung immer groß, ebenso die Erklärungsnot, jedoch hätte man es vorher wissen können: Der Vergleich geht halt nicht auf.

Ein Blick auf die Motivationstreiber lehrt, warum eine Eigenbewertung im Design schlechter ausfällt als im Marketing: Wenn man aus eigenem Antrieb sich und sein Schaffen ständig verbessert, ist man auch entsprechend kritisch mit sich selbst. Hat man diesen Antrieb und diese Selbstkritik nicht, kommt man in den Künsten und im Design nicht weit…

Sie haben recht: Dies gilt auch für jeden Unternehmer, der sein Unternehmen verbessern und voranbringen will, und nicht nur für Kreative! Dies gilt für alle, die ihr Leben zum Besten gestalten und nicht nur optimiert verwalten wollen. Ohne eine kritische Selbstbewertung und die Erkenntnis, dass es letztlich um Können geht und nicht nur um die Bewertung, lässt sich kein nachhaltiges Business aufbauen.

Wofür werde ich mich also in Zukunft vehement einsetzen? Alle Wirtschaftsstudenten müssen ab jetzt im Studium entweder ein Instrument lernen oder sich einer Kunstform widmen! Ihre Präsentation und Aufführung müssen sie anschließend auch selbst bewerten – und wehe, wenn ihre Benotung besser ausfällt als die der Dozenten!

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  1. Heinz Jürgen sagt:

    😉