design und kunst
Ich weiß, man begibt sich aufs Glatteis: Wer versucht, den Unterschied zwischen Design und Kunst zu erörtern, droht schnell einzubrechen und sich nasse Füße zu holen – also lässt man es lieber gleich sein, oder?
Jedoch wo ich jetzt in einem Department für Design und Kunst arbeite, will ich mal einen Versuch wagen: Denn eine spannende Frage ist es allemal: Ist Design nun Kunst und kann Kunst Design sein? Wo hört Kunst auf, wo fängt Design an? Was haben beide gemeinsam: dass sie so oft in einem Atemzug genannt werden und dass Blogs zu diesem Thema schier endlose Kommentarthreads erzeugen?
Die Gemeinsamkeit lässt sich vielleicht am einfachsten beschreiben: Design und Kunst leben beide von der Gestaltung. Dabei ist die Gestaltung ein Akt, etwas in eine bestimmte Form zu bringen. Das Etwas kann dabei genauso verschieden sein wie die Form, die es durch Gestaltung annimmt.
Was Künstler von Designern unterscheidet, ist die Intention, mit der sie gestalten, weniger die Form oder die Sache, der sie sich annehmen. Dies impliziert, dass sich Sache und Form in Kunst und Design letztlich sehr nahekommen können und es daher oft schwierig ist, trennscharf zu definieren, was was ist. In der öffentlichen Meinungsbildung sind die Grenzen längst so verschwommen, dass Design und Kunst oft als dasselbe gesehen werden – so auch von meiner Großmutter. Sie äußerte dann auch ihre Skepsis, als ich ihr vor vielen Jahren meinen Beruf als Designer erklären wollte: „Junge, kann man denn das auch als Angestellter machen – und gibt’s da überhaupt eine Rente?“
Nach wie vor ist es gerade dann schwierig, Design von Kunst zu unterscheiden, wenn ‚Fachfremde‘ am Tisch sitzen und den Unterschied bedingt durch das Bild, das sie aus den Medien erhalten, nicht erkennen. Meiner Großmutter gab ich auf ihr beharrliches Fragen hin, als Versuch einer Klärung, folgende Antwort: „Designer sind Künstler, die Sachen gestalten, die einen Zweck haben müssen.“ „Künstler können Dinge gestalten, die keinen Zweck haben müssen.“
Ihr leuchtete das damals irgendwie ein und sie gestand mir, dass sie doch froh sei, dass ich etwas ‚Zweckhaftes‘ tun würde, obwohl sie Van Gogh sehr mochte.
Um die Sache zu klären, hilft es wohl, zu umschreiben, was Design nun ausmacht: Dann ergibt sich eine Abgrenzung zur Kunst vielleicht von selbst?
Der Nobelpreisträger Herbert Simon gab vor vielen Jahren eine umfassende Definition des Begriffes Design ab, in der er sagte, dass „all jene designen, die in die Geschicke der Abläufe eingreifen, um Bestehendes zum Besseren zu verändern.“ Simon war Sozialwissenschaftler, der sich vor allem damit beschäftigte, wie wir entscheiden, auf welcher Basis wir Entscheidungen fällen – laut Simon ist ‚Designen‘ ein Bestandteil der Entscheidungsfindung. Dabei ist im Entscheidungsprozess Design das ‚Kreieren‘ und Ausformen der Optionen, die sich nach der Aufnahme der ersten Eindrücke ergeben, damit man überhaupt zu einer Option gelangen kann. Design ist daher ein gestaltender Akt, Optionen abzuwägen, und ist demnach bewusst und zweckgebunden – auch wenn es manchmal so aussieht, als ob das Ergebnis eines Designprozesses, das Design selbst also, wie zufällig entstanden sei.
Design hat somit stets die Absicht, Entscheidungen zu ermöglichen. Hat es diese nicht, könnte es sich um Kunst handeln – das wäre dann aber völlig zweckfrei. Design muss verstanden werden können, damit es einen Nutzen hat.
Der Zweck des Designs richtet sich somit auf eine klar definierte Sache und beinhaltet eine nachvollziehbare Intention. Bei der Kunst ist dies nicht zwingend gegeben; sie darf undefiniert sein, sich nicht richten und nicht nachvollziehbar sein, kann aber trotzdem alles tun.
Es ist der Kunst vorbehalten, keinen Zweck haben zu müssen, keine Intention haben zu müssen und nur dem Willen und dem Zweck des Künstlers selbst dienen zu können.
Da sind Reibungen zwischen Design und Kunst vorprogrammiert! Das Resultat aus einem Gestaltungsprozess kann mal als Kunst, dann als Design verbucht werden, Je nachdem, wie man die zugrunde liegende Intention betrachtet – und somit spielt auch der Betrachter (oder Nutzer) eine Rolle darin, was Design ist und was Kunst. Sieht der Nutzer einen Zweck hinter einer Gestaltung, dann ist es Design für ihn – sieht er keinen, dann – Achtung, könnte es sich um Kunst handeln!