design und ausbildung

Man darf nicht nachlassen, Design als seriöse, fundierte Berufsgattung und als marktwirtschaftlich notwendige Expertise zu bewerben und sein Image als exotisches, künstlerisches Schmuckwerk zu ersetzen.
Da hat sich in den letzten Jahren einiges getan: Die Ausbildung zum Designer hat sich im Laufe des vergangenen Jahrhunderts einem steten Wandel unterzogen, in gleichem Maße wie sich Wirtschaft und Gesellschaft wandelten.
Zunächst auf die Ästhetik handwerklich erzeugter Artefakte beschränkt, verlagerte sich das Design zusehends auf die Gebrauchsaspekte der zunehmend industriell gefertigten Produkte. Allerdings haben vielfältige philosophische, politische und ideologische Auseinandersetzungen mit der Ästhetik zu unterschiedlichen Ansätzen im Design geführt.

Die Industrialisierung wiederum führte zu einer Verlagerung auf funktionale Aspekte im Design und gleichsam zu einer Unterwerfung unter ökonomischen Zwängen.
Das heißt, dass Design geradezu von der Spannung zwischen dem kreativen, schöpferischen Akt eines Individuums und den Marktforderungen, Produktionsformen und ökonomischen Zwängen der Industrie lebt – und das macht es ja auch zu so einer spannenden Sache! In diesem Spannungsfeld zwischen Kreativität und Standardisierung bzw. Begrenzung hat sich der Schwerpunkt des Designs oft hin- und herverlagert. Für den praktizierenden Designer bedeutet dies, dass er in diesem Spannungsfeld zwischen Kreativität und Norm leben muss – zwischen dem Potenzial seiner Kreativität und den Möglichkeiten des Anwendungsgebietes, zwischen der Verwirklichung seiner persönlichen Motivation und den Bedürfnissen seines Auftraggebers.

Diese Bandbreite, die das Design in der Praxis bietet, muss schon in der Ausbildung behutsam erfasst und vermittelt werden. Es besteht das erhöhte Risiko, dass sich die Ausbildung zu starr positioniert und somit ein Programm vermittelt, das nicht gewährleistet, dass die neu Ausgebildeten die große Bandbreite, die auch eine berufliche Beschäftigung im Umfeld des Designs nun mal bietet, wirklich für sich nutzen können.
Da diese Bandbreite zusehends wächst, beobachten wir auch eine zunehmende Spezialisierungstendenz. Da gibt es auf der einen Seite handwerklich geschulte Gestalter-Spezialisten, die in eng abgegrenzten Gebieten (wie in der Automobilbranche) tätig sind, bis hin zu den eher philosophisch geschulten Künstlern, die sich mit ihren Arbeiten in der Regel selbst verwirklichen und den Weg eines Künstlers einschlagen. Alles, was dazwischenliegt, ist mit dem ‚einen‘ Berufsdefinition des Designs nur schwer zu erfassen.

So stellt sich für eine Institution, die die Ausbildung zum Designer anbietet, die schwierige Herausforderung, sich in dieser großen Bandbreite zu positionieren, ein Lehrprogramm zu erstellen, das dieser Positionierung entspricht und dennoch die Flexibilität beizubehalten, den Studierenden die volle Bandbreite des Designs nahezuführen und dabei die nötigen Grundregeln zu vermitteln. Denn es wird sich oft erst im Laufe des Studiums zeigen, wohin sich Studierende entwickeln, wo ihre wirklichen Talente liegen und wo sie nach dem Studium eine für sie passende Beschäftigung finden werden.
Es ist für mich wichtig, darauf zu achten, dass die Studierenden sich schon vor dem Beginn des Studiums ein Bild von der Positionierung der Lehranstalt machen können und dass sie auch während des Studiums in größtmöglicher Flexibilität ihren Neigungen und Fähigkeiten entsprechend sich entwickeln können oder ohne allzu große Probleme auf eine für sie besser zugeschnittene Ausbildung wechseln können.

Das Ziel der Ausbildung sollte daher sein, den Studierenden neben einer profunden ‚handwerklichen‘ Basis und einem theoretischen Gerüst auch eine tief gehende Einsicht in die Bandbreite, in der sich das Design wiederfindet, zu vermitteln. Für mich ergeben sich aus dieser Positionierung sowohl für die Lehranstalt als auch für das Studierendeneinverhältnis verlässliche Ausgangspunkte für ein Studium, in dem sich die Studierenden ebenso wiederfinden wie die Industrie als größter Abnehmer von Absolventen.
Ich will damit keinesfalls eine Beurteilung und Wertung anstreben, ob welche der Formen die Richtige sei, vielmehr soll dies zeigen, dass alle Ansätze, wenn sie richtig positioniert sind, nötig sind, um die ganze Bandbreite des Designs bedienen zu können!

Eine Wertung will ich jedoch bewusst machen. Sie ist gefüttert sowohl durch die Erfahrungen, die ich in der Industrie gemacht habe, als auch durch die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Thema Design: Alle verschiedene Formen der Designausbildung sollten sich verschreiben, den zukünftigen Designer mit einer einheitlichen Grundeinstellung ins Rennen zu schicken, einem professionellen Rucksack, der dem Designer ein fachliches anerkanntes Gerüst gibt, auf das er sich dann, gemäß seiner Neigungen und den Anforderungen, die eine Anstellung in der Wirtschaft mit sich bringt, weiter spezialisieren kann. Der Schwerpunkt der Ausbildung, so wie ich sie für richtig halte, liegt auf dem Design, das sich im Dienste der Industrie ansiedelt und in dem der Designer als Mitglied eines Teams arbeitet. Hier ist das Design vielmehr ein evolutionärer, iterativer Prozess als ein Prozess schöpferischer Eruptionen kreativer Einzelgänger – hier ist die Marke bestimmend für die Form der Expression. Und mit diesen Randbedingungen arbeiten zu können, ist für viele die größte Herausforderung in der beruflichen Praxis.

Die berufliche Praxis gestaltet sich, das lehrt die Erfahrung, sowieso anders als sich viele vor dem Beginn des Studiums ausmalten. Mit der Opposition zur Wirtschaft auf der einen und der Rolle als Design-Lieferant auf der anderen Seite scheint es fast vorprogrammiert, dass viele Diplomierte nur schwer einen richtigen Bezug zur beruflichen Praxis finden. Zu oft werden diplomierte Designer in eine für sie unbekannte wirtschaftliche Umwelt entlassen, in der sie sich nur schwer zurechtfinden.

  • Frei schaffende Designer müssen durch Trial and Error erfahren, wie man ein Dienstleistungsunternehmen führt und dabei langfristig überlebt, ohne sich und den Dienstleistungsmarkt zu ruinieren.
  • Designer, die in der Industrie unterkommen, werden mit Prozessen konfrontiert, mit denen sie nur wenig anfangen können und vor allem ist das Arbeiten für ein Unternehmen in Teamverband in der Regel nicht das, was an den meisten Lehranstalten vermittelt wird, liegt doch in der Lehre und dem Studium der Schwerpunkt auf das Kreieren von individuell motivierten Erneuerungen und Innovationen und nicht so sehr auf das Applizieren von Kenntnissen und Fähigkeiten in einem Umfeld, welches von strengen, marktwirtschaftlichen Richtlinien geleitet wird.

Hier haben die Ausbildungsstätten und Lehranstalten sowie die Universitäten einiges zu tun, um den Studierenden essentielles Wissen in ihren beruflichen Rucksäcken mitzugeben. Es ist nicht nur die professionelle Qualifikation im inhaltlichen Sinn, die einen Diplomanden auszeichnet, sondern vor allem seine Qualifizierung im marktwirtschaftlichen Sinne, die ihm und der Berufsgattung Design im Ganzen langfristig Erfolg und Anerkennung einbringen wird.

Dabei leidet die Berufsgattung ‚Designer‘ auch sicherlich unter einem Imageproblem – nach außen hin scheinen sie oft wie ein Chamäleon im ständigen Spagat zwischen Kunst und Kommerz, ein Künstler, Stratege, Ergonom, Marketingspezialist oder Politiker und Weltverbesserer zu sein.
Dies wird geschürt durch die Tatsache, dass nicht jeder Gestalter sich als gefügiger Profi in die politisch durchfärbten Strukturen einer Firma einverleiben lässt: Manche fokussieren sich ausschließlich auf ihre eigenen Ideen, arbeiten wie Künstler und folgen dabei einer inneren Motivation, was im Rahmen eines produktionsorientierten Industrieumfeldes oft wirkt wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen. Viele Designer gelangen jedoch gerade hierdurch zu Bekanntheit und Ruhm; ihre Arbeiten werden von wohlhabenden Auftraggebern gefördert oder landen sogar in Museen. Diese Designer stehen im Blickpunkt der Öffentlichkeit und ihre Arbeiten finden als Objektkunst weltweit Beachtung. Und Firmen nutzen den Personenkult, um diese ‚Designer’ oftmals als verkaufsfördernde Maßnahme zu rekrutieren und damit ihre eigene, in der Regel ‚eher schwache’ Marke zu stärken.

Viele dieser Objekt-Künstler und Designer haben großen Einfluss auf die gängigen Manifestationen von Stil und Mode und beeinflussen sehr wohl die Arbeit der vielen, in der Regel als Dienstleister tätigen Designer.
Al dies kreiert ein verstörtes Bild und erschwert eine professionelle Positionierung des Designs in Ausbildung und Praxis nicht. Hier sind die Hochschulen gefragt, alles Mögliche zu tun, um Unternehmen auch über die prozessrelevanten Aspekte des Designs aufzuklären und hierfür entsprechende Curricula anzubieten. Die aufkommenden Studienrichtungen im Design Management leisten hier Wichtiges und eine enge Zusammenarbeit zwischen designprozess- und designanwendungsorientierten Ausbildungen ist dringend gefordert.

Denn wollen Unternehmen das Design in seiner vollen Tragkraft für sich nutzen, muss es einen festen Platz in ihrer unternehmerischen Seele haben. Hier muss die professionelle Designszene den Unternehmern helfen, eine Sensibilität für den Grad der adäquaten Designunterstützung zu entwickeln.
Die Designzunft muss sowohl in der Ausbildung als auch in der Zusammenarbeit untereinander stärker auf diese Anforderungen eingehen: weg von den elitären, Pfeife rauchenden Designpäpsten und den Cut-&-Paste-Design-Kopierern hin zu professionellen Partnern der Unternehmen.

Dies bedeutet wiederum für die Designer, dass sie genau auf das Unternehmen schauen müssen, für das sie arbeiten. Wenn sie zu einem nachhaltigen Mehrwert beitragen wollen, müssen sie den richtigen Bezug zum Unternehmen finden und nur auf der Basis von Professionalität und tiefem Verständnis der Unternehmenskultur und des Marktes lässt sich dies erreichen.

Es braucht daher Designer, die diesem Komplexitätsverständnis gegenübertreten können, um diesen Mehrwert auch zu schaffen. Ob als individuell Arbeitender, in einer Agentur oder in einem Corporate Environment: Es gilt, den Blick für das Essentielle zu haben und nicht die eigenen Designgrundsätze durchsetzen zu wollen. Es bürdet dem Designer die Verantwortung auf, nicht seiner eigenen ästhetischen Sicht zu folgen und damit ein originäres Kunstwerk zu schaffen. Denn Design baut immer auf Strukturen auf, die es schon gibt, also ist jedes Design de facto ein Redesign, das auf seine ‚Vor- und Nachfahren‘ Bezug nehmen sollte. Gutes Design darf daher nicht nur auf das Produkt oder Objekt als solches zielen, sondern muss auch die kulturelle Landschaft, in der es platziert wird – und die damit verbundenen Reaktionen – mit einbeziehen.

Somit hat der Designer eine kulturelle und darüber hinaus eine ethische Verantwortung, seine Fähigkeiten nicht fahrlässig einzusetzen.
Dieses Verantwortungsbewusstsein zu wecken und ihren Studenten und Studentinnen mit auf dem Weg zu geben, ist sicherlich der wichtigste Beitrag, den eine Ausbildung im Design leisten sollte!

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