das designorchester

Musik ist etwas Faszinierendes, vor allem dann, wenn sie symphonisch aufgeführt wird: Das Zusammenspiel verschiedener Instrumente ergibt eine Klangwolke ganz besonderer Art und kann den Zuhörer zu Tränen rühren.
Das Erlebnis Musik ist so ergreifend wie kaum ein anderes von Menschen erzeugtes Produkt.

Vor ein paar Jahren hatte ich das Vergnügen, einer Aufführung der Wiener Symphoniker beizuwohnen: Es wurde eine Symphonie von Lutoslawski gespielt, was mir die Schauer über den Rücken trieb – einfach unglaublich!

Die Frage, die ich mir dann oft stelle: Wie schafft es so eine Ansammlung hochbegabter Musiker, sich gemeinsam so perfekt abzustimmen, und welche Rolle spielt der Dirigent hierbei? Warum braucht man den Dirigenten überhaupt? Können sich die verschiedenen Instrumentalisten nicht selbst untereinander abstimmen? Warum funktioniert hier das gemeinsame Musizieren nicht mehr über die Kommunikationsstrukturen unter den Musikern, sondern durch eine Art von „Unterordnung“?
Ich glaube, diese Frage stellen sich viele.

Eine Definition lautet: Der Dirigent erarbeitet das Werk mit dem Orchester und bringt es zur Aufführung. Hierzu übernimmt er insbesondere zwei Aufgaben: die technische Koordination der mitwirkenden Musiker, indem er mit dem Schlagen des Taktes das für alle verbindliche Tempo festlegt, und darüber hinaus die interpretatorische Gestaltungshoheit, womit das Werk nach dem Konzept des Dirigenten erarbeitet und aufgeführt werden soll.

So weit so gut. Aber weshalb akzeptieren die Musiker des Orchesters den Dirigenten in seiner Rolle?
Diese Frage fasziniert mich am meisten, denn offensichtlich braucht es für die meisten großen Orchester einen Dirigenten, damit das gemeinsame Musizieren stimmig, also ‚orchestriert‘, zum Erlebnis wird. Je besser die Zusammenarbeit zwischen Orchester und Dirigent, so sagte mir ein erfahrener Musiker, desto besser das Resultat.
Und hier lassen sich viele Parallelen zum Zusammenarbeiten im Unternehmen ziehen. Auch Unternehmen wollen ein Erlebnis erzeugen, das in sich stimmig ist und begeistert – letztendlich wollen sie ja, genau wie die Musiker der Symphoniker, dass die ‚Besucher‘ wiederkommen und sie weiterempfehlen.

Und da stellt sich die Frage: Wer schlägt denn den Takt im Unternehmen und hat die Gestaltungshoheit? Wer sorgt dafür, dass sich ein orchestriertes ‚symphonisches‘ Erlebnis einstellt? Beim Wort „Gestaltungshoheit“ werde ich natürlich hellhörig – denn Gestaltung ist doch etwas für die Gestalter, oder? Und da sind wir schon bei der nächsten Frage: Was machen Gestalter denn überhaupt im Unternehmen? Dirigieren vielleicht oder doch musizieren?
Hier komme ich zu einer nüchternen Analyse: Meistens ist Design im Unternehmen nur eine Dudelei… Genauso wie Musiker im Orchester sind Designer Spezialisten für die Anwendung einer künstlerischen Fähigkeit in einem festgelegten Kontext – freie Künstler sind beide nicht. Was für den Instrumentalisten die Noten sind, sind für Designer die Lastenhefte der Produktanforderungen. Bei beiden ist eine Interpretations- und Umsetzungskompetenz erforderlich, um das gewünschte Resultat zu erreichen. Jedoch, wo die Musiker in der Zusammenarbeit im Orchester einen Dirigenten und die Noten haben, gibt es jedoch für Designer im Unternehmen meist nichts – sie haben keine verbindende „Partitur“!
Die Markengestalter arbeiten mit dem Markenmanagement an der CI und legen die grundlegenden Gestaltungsparameter mittels Style Guides für die Designarbeit im Konzern fest.
Die Produktdesigner verwenden diese Vorgaben oft unter Protest und berücksichtigen zumindest das Logo, wobei sie das ‚Was‘ und ‚Wie‘ der Marke erneut selbst hineininterpretieren. Genauso verhält es sich beim Design der Software.
Die Verpackungsdesigner können mit der CI oft schon mehr anfangen, wäre da nicht das Problem, auch die vielen Werbebotschaften unterzubringen, die die Vertriebskollegen vermitteln wollen.
Zu guter Letzt legen Designer noch Hand an die vielen Werbebotschaften und Webseiten, die vom Vertrieb in Auftrag gegeben werden. Und so weiter und so fort…

Bei der Vielzahl parallel laufender Gestaltungsarbeit im Unternehmen kann es schnell passieren, dass nicht alle im Takt spielen, geschweige denn den richtigen Ton treffen. Da wären ein Dirigent und eine Partitur für alle beteiligten Designer sehr willkommen!
In manchen Unternehmen ist der CEO der Dirigent (ja, z. B. wieder im Unternehmen mit dem Apfel als Logo) oder es findet sich ein ‚Musiker‘, der diese Rolle übernimmt und die Gestaltungshoheit innehat.
Jedoch bleibt es in den meisten Unternehmen bei einer nicht koordinierten Gestaltungsduellei. Und daran sind wir Designer nicht ganz unschuldig!

Für viele Designgattungen, von der CI über Produkt, Grafik, UI, Web bis hin zur Kommunikation, sind die anderen ‚Kollegen‘ nicht Teil eines orchestrierten Zusammenspiels, sondern meist unbekannte Wesen, die mit dem eigenen Spiel nichts zu tun haben oder auch nicht zu tun haben sollen! Ein offenes Aufeinanderzugehen habe ich nur selten erlebt, und es ist nach wie vor dem Engagement von wenigen Einzelkämpfern überlassen.

Dem Designmanagement sehe ich momentan die Rolle zukommen, diese ‚Musiker‘ einzusammeln und in einem orchestrierten Spiel so zu vereinen, dass für den Kunden ein einheitliches Erlebnis entsteht. Ob Designmanager damit quasi zum Dirigenten mit Gestaltungshoheit im Unternehmen werden können, ist noch offen. Denn es braucht dafür eine „Partitur“ und die Akzeptanz dieser Rolle, damit sich diese symphonische Einheit einstellen kann.

Und viel wichtiger noch: es braucht die volle Unterstützung der beteiligten Gestalter, damit alle im Einklang mehr Effekt erzielen!

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