herzblut
Kürzlich lief ich über einen Jahrmarkt und entdeckte einen Stand, an dem ein Handwerker Körbe flocht. Andächtig blieb ich stehen und beobachtete den Korbflechter bei seiner Arbeit. Die Handgriffe saßen und er war sogar in der Lage, sich während des Flechtens mit den interessierten Passenten zu unterhalten. Auf einmal hielt er inne – er war gerade halbwegs fertig mit einem Korb –, als ob er fühlte, dass etwas nicht in Ordnung war: Tatsächlich hatte das Geflecht auf der Unterseite eine andere Farbe und war dünner als oben, also zupfte er alles wieder auseinander und fing von Neuem an.
Worauf eine Dame, die auch zusah, sagte, wie schade das sei, ihr wäre das ja gar nicht aufgefallen, weil es ja der Boden wäre – und zudem er ja schon fast fertig wäre. „Hören Sie“, sagte er, „des muss man schon mit Herzblut machen!“ Körbe, so fügte er hinzu, würde er nur verkaufen, wenn sie tipptopp sind. „Wenn’s besser geht, muss man des auch mache und zur Not neu anfange. Mist darf man nitt verkoofe!“ schloss er ab und flocht weiter. Die Dame wartete andächtig, bis er fertig war, und kaufte dann den Korb.
Der CEO lief an den Modellen vorbei und schaute sich alles an. Aufmerksam hielt er inne, beobachtete die Arbeit und verglich Alt und Neu. „Wieso haben wir dieses Produkt jemals so auf den Markt bringen können, wenn es auch besser geht?“, sagte er und zeigte dabei auf ein wirklich bescheidenes Produkt, das inzwischen von einem neuen, mit wesentlich ansprechenderem Design abgelöst wurde, das gleich daneben stand. Die Funktionalität war gleich geblieben, nur die Ausführung war eine andere: eindeutig besser eben.
Dies ließ den CEO nicht los und die Designer wollten lieber schnell verschwinden: Sie hatten mit diesem Vergleich wohl ein Eigentor geschossen, so dachten einige – oder ist dies etwa die Gelegenheit, das wirkliche Problem anzusprechen, dachten wenige andere? Der CEO war nicht mehr zu bremsen, da er nun offensichtlich gesehen hatte, dass man mit derselben Technologie wesentlich Besseres produzieren kann, und forderte sofort Antworten – und wandte sich an den zuständigen Designer. Die Tatsache, dass man nur einmal im Jahr so ein ‚Review‘ durchführt und daher viel verpasst (wie etwa die Einführung des ersten Produkts), und dass seine Frage daher wohl etwas zu spät kam, kam ihm nicht wirklich in den Sinn… Er sah Handlungsbedarf bei den Designern, nicht so sehr bei sich selbst.
Verlegen schauten wir Designer uns an und waren nicht wirklich auf seine Frage vorbereitet. Der zuständige Designer wusste, wo das Problem lag, war sich aber nicht sicher, ob er es so ansprechen konnte. Denn die Produktmanager hatten ihm für das erste Produkt strikte Vorgaben gemacht bezüglich der Kosten, der Fertigung und der Technologie – sie hatten das Innenleben woanders eingekauft und ihn beauftragt, ein bestmögliches Design dafür zu konzipieren. Nur unter Protest hatte er dann losgelegt und dabei die Zusicherung errungen, dass er beim zweiten ‚Release‘ mehr Freiraum bekommen würde. Als das fast fertige Produkt als Muster auf dem Tisch stand, waren alle Designer gar nicht zufrieden, doch die Arbeit war getan; das Produkt musste so verkauft werden. Der Designer hatte keine Macht, den Verkaufsstart zu verhindern.
Woran lag das? Hatten die Designer etwa zu wenig Herzblut? Wie sollte der Designer vermitteln, woran es mangelte?
Also versuchte er es mit einer Geschichte und erzählte von seinem Besuch auf einem Jahrmarkt – und von der ehrlichen Arbeit eines Korbflechters…