stuhltanz

Die Runde sah sich in die Augen und lehnte sich zurück in die Ledersessel: Alle wussten, was passieren würde, und jedem war klar, dass sein Ledersessel bald dem Schweiss eines Anderen widerstehen müsste – es sei denn, man wäre gut vorbereitet!

Es geht um einiges beim Stuhltanz der Leitungsfunktionen. Die Leitung einer Abteilung geht einher mit einem guten Gehalt, einem Firmenwagen, der Aussicht auf Boni und dem Zugang zu Informationen, die man für das nächste „Stuhltanzen“ dringend benötigt: Wer zeitig weiß, dass eines ansteht, kann sich schon mal geschickt in Position bringen und damit die Chance erhöhen, die nächste Runde zu meistern.

Denn inzwischen geht es in vielen Unternehmen nur noch um das bloße Überleben! Nicht, dass Kunden einem das Leben schwer machen, indem sie zum Beispiel zur Konkurrenz übersiedeln, ach iwo, es sind die eigenen Kollegen, die einem nach dem ‚Sessel‘ trachten. Wenn der CEO – ganz nach Machiavelli – wieder mal gewiefte Berater in die Organisation schickt, um für die nächste Reorganisation die Sessel neu zu besetzen, wird allen klar: „Hier überlebt nur der, der auch fit dafür ist!“ Da wird die berufliche Laufbahn sprichwörtlich: immer um die Stühle herumlaufen, bis das Signal zum Hinsetzen ertönt!

Der Kunde nimmt an diesem Stuhltanz nicht teil – zum Glück, denn er hätte sich über dieses Hauen und Stechen nur gewundert und wäre freiwillig nicht angetreten.

Doch dank dieser Laufbahn kommt so mancher Kollege ordentlich herum und wechselt schon mal vom Controlling ins HR und von dort in die Ländergesellschaft, um dann als Marketingleiter endlich den Stuhl neben dem CEO zu besteigen. In der Politik ist es nicht viel anders… Auch dort ist Sachverstand nicht immer an jenen Stuhl gekoppelt, der die Sache vertritt: In der Regel landet auf einem Stuhl derjenige, der gut sitzen kann! „Sitzfleisch“ ist – neben dem fleißigen Schreiben – die Kernkompetenz der Leitungskräfte in Organisationen.

Jetzt heißt es, dass die Digitalisierung die Rationalisierung beflügelt und die Anzahl der Stühle ruckzuck reduziert: Es braucht immer weniger Kräfte, um ein Unternehmen zu leiten. Für viele Sesselsitzer brechen also harte Zeiten an, und daher auch für jene Mitarbeitenden, die an so einem Stuhl hängen. Fällt ein Sessel weg, fallen oft ganze Heerscharen von Arbeitsplätzen weg. Und weil Arbeitsplätze auch Einkommensplätze sind, ist der Widerstand entsprechend groß. Auch wenn die Gründe für ein Stühlerücken klar und nachvollziehbar sind, kommt es dennoch immer zu einer Abwehrreaktion. Wer gibt schon seinen Einkommensplatz her, egal, was die zugehörige Arbeit ist.

Für Unternehmen mit vielen Stühlen gilt es genau auszuloten, welche man braucht und auf welche man verzichten kann. So manche Entscheidung, einen Fachbereich auszugliedern oder aufzulösen, wurde anschließend bitter bereut. Nicht immer kann ein Lieferant die abgestoßene Expertise ersetzen, auch wenn der Controller meint, es wäre doch viel günstiger so! Doch manchmal ist dies genau das Richtige und ein Fachbereich kann, befreit von der Geißel des Stuhltanzes, endlich das tun, was er am besten kann: fachlich bereichern!

Große Organisationen leiden zusehends unter der Problematik der Zersiedlung und Diversifikation: Ihre Absicht, mit immer mehr Bereichen und Abteilungen der Größe handhabbar zu werden, führt zum Verlust der Identifikation und des Zusammenhalts. Statt gemeinsam an der Rechtfertigung gegenüber dem Kunden zu arbeiten, entsteht eine Arbeit an der Rechtfertigung des eigenen Bereichs. Mit weniger Abteilungen kann man sicherlich den Zusammenhalt stärken – unter denen, die noch am Tisch sitzen.

Nötig ist aber eine Integration aller Mitarbeitenden in die gemeinsame Arbeit für den Kunden! Diese Arbeit kann man mit einer Tafelrunde samt Stuhltanz nicht leisten: Sie kann nur geleistet werden, wenn alle Beteiligten genau wissen, welchen entscheidenden Beitrag sie leisten, egal, wo sie sitzen, und diesen auch leisten wollen.

In guten Unternehmen gibt es daher nur einen bedeutenden Stuhl – und auf dem sitzt der Kunde!

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