schublade

Auch wenn der Konstruktivismus behauptet, alles Wissen liege nur in unseren Köpfen (und was dort nicht sei, wäre kein Wissen), kann man in weniger philosophischen Kreisen einfach sagen: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß! Solches selektives Wissen ist praktisch, denn es schützt uns vor zu viel Wissen und vor dem Kollaps des Gehirns, der durch eine übervolle Speicherplatte verursacht wird.

Obwohl – oder auch weil – wir nur etwa zehn Prozent unserer Speicherkapazität aktiv brauchen, neigen wir alle, so sagen Experten, zum selektiven Denken: Wir behalten scheinbar nur Relevantes und alles, was dazwischenliegt, wird gelöscht. Der effiziente Umgang mit Informationen und Eindrücken scheint tief in uns verankert, brauchen wir doch oft nur den Fetzen eines Taktes, und schon erkennen wir die zugehörige Symphonie; ein kleiner Ausschnitt eines Bildes, und schon setzen wir das Ganze zusammen. Es scheint, unser Hirn ist Meister darin, einzelne Eindrücke zu einem größeren Ganzen zu verbinden und somit ein designdenkendes Organ zu sein!

Das Erkennen des wirklich Relevanten liegt also nicht im Wissen, das wir gespeichert haben, sondern im Verknüpfen dieses Wissens: Wir sind Meister der Zwischeninformation und auf dem besten Weg, diese Gabe zu verlieren: Denn was die Technologie geschickt ausnutzt, indem sie uns zum Beispiel nur Fetzen digitalisierter Musik gibt, die wir dann problemlos wieder zusammensetzen, führt zu einer Fokussierung auf das Rationelle, auf das scheinbar Wesentliche. Und das lässt viele glauben, man könne schlicht alles rationalisieren.

Diese rationalisierte Sicht ist auch ein Relikt des industriellen Denkens. Sie will die Effizienz von Abläufen und Prozessen vorantreiben und setzt ganz auf das Entwickeln von sprichwörtlichen Schubladen, in die wir unser rationalisiertes Wissen legen und die von den Spezialisten wieder hervorgeholt werden können.
Was aber vor allem die High-End-Audio-Fanatiker bemängeln, nämlich dass bei zunehmender Digitalisierung die Zwischentöne verloren gehen – quasi wegrationalisiert werden –, so scheint auch in den Problemen des Alltags eine rationale Zerstückelung in überschaubare Portionen nicht immer der zielführende Weg zu sein. Oft liegt die Wahrheit zwischen den Fakten: Die Welt ist eben nicht konstruiert, meist weder Null noch Eins. Von wegen, die Welt würde digital – sie wird in Wahrheit immer analoger!

Daher fordert die Gesellschaft wieder zunehmend den Fokus auf die Zwischentöne zu legen – auf das, was zwischen den festgezurrten Meinungen und Konventionen liegt. Immer mehr Eltern sehen, dass ihre Kinder nicht in das Raster des portionierten Schulsystems passen, und wollen mehr Zeit für die Entwicklung ihrer Schützlinge; immer mehr Patienten wollen nicht nur eine rationalisierte Kassenbehandlung mit Überweisung, sondern dass man der Ursache ihres Leidens wirklich auf den Grund geht.
Als Antwort auf dieses Befinden bieten die Schulen noch mehr Lehrangebote und das Gesundheitswesen noch mehr Spezialisten an: Warum passt dieses Mehrangebot vielen trotzdem nicht?

Inzwischen reagiert auch die Technologie auf den Wunsch nach mehr ‚Zwischentönen‘ mit noch mehr ‚Digitalisierung‘, der quasi immer weitergeführten Verkleinerung der Schubladen, womit sie praktisch in der Lage wäre, immer genauer und kleinskaliger die Dinge zu betrachten, um Lösungsansätze zu finden. Faktisch werden jedoch nur die Schubladen immer kleiner und an der Zahl mehr – es bleiben aber Schubladen! Das digitale Denken ist eben technisch und noch rationaler als das mechanische Denken je war. Es ermöglicht bald eine unendliche Tiefenschärfe, lässt dabei aber viele Aspekte unbeachtet – eben alles, was außerhalb dieser Schärfe liegt. Um sich ein umfassendes Bild zu machen, das auch die ‚Zwischentöne‘ abbildet, braucht man jedoch eine veränderte Schärfentiefe, die es ermöglicht, über die ‚Schubladen‘ hinweg einen Zusammenhang zu erkennen.

Diese flexible Sichtweise erlaubt zum Beispiel dem Arzt, jenseits der Symptome die Ursachen eines Leidens zu erkennen, und dem Lehrer, jenseits des Lehrplans, die jeweiligen Talente und Neigungen des einzelnen Schülers zu fördern.
In Organisationen kann man mit diesem Überblick die verschiedenen Disziplinen auf gemeinsame Aufgaben lenken und quasi transdisziplinär zusammenarbeiten lassen. Denn die erfolgreichen Lösungen kommen immer seltener aus einer disziplinären Sicht, sondern zunehmend aus einer Übersicht: Nicht die Schublade und deren Inhalt bestimmen, ob man die richtigen Zutaten für eine Weiterentwicklung hat, sondern ein bewusst gestalteter ‚Schrank‘, in dem die verschiedenen Schubladen stecken.

Viele sehen darin die (Wieder)Geburt des Generalisten, was aber, finde ich, zu einfach gedacht ist: Ein Generalist hat vielleicht den Überblick (oder Schärfentiefe), jedoch selten die Tiefenschärfe, dem Erblickten auf den Grund zu gehen. Ich für meinen Teil bin so einem noch nie begegnet…

Ist die Lösung vielleicht eine Kombination aus beider Sichtweisen? Ein System, in dem ein Spezialist immer mit einem Generalisten zusammenarbeitet? Könnten wir so die Ursache vieler Probleme besser erfassen und zudem die richtige Tiefenbehandlung ansetzen?
Dann wäre der Generalist ein Schrank und der Spezialist die Schublade! Jetzt müsste man noch klären, wie die beiden effektiv zusammenpassen… Das scheint mir genau das Richtige fürs Designmanagement?!

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