digital

Sie sind anders, finde ich… Oder liegt es daran, dass ich älter werde und genau in jene Falle trete, in die vor mir auch schon meine Eltern und deren Eltern getreten sind, nämlich in die des Vergessens? Natürlich rede ich von der Jugend: Die jetzige ist definitiv anders!

Was hat denn die Jugend mit Design zu tun, werden sich jetzt manche fragen: Nun, alles. Denn wie im Design sollte sich auch die Jugend mit dem beschäftigen, was sein könnte oder sollte, und nicht mit dem, was war. Dass Erwachsene dies unterdrücken und viele Jugendliche so erziehen, dass sie sich scheinbar auch nur noch mit dem, was war, beschäftigen (Regeln, Ordnung, Benehmen und all das, was dazugehört), resultiert aus blankem Neid: Denn der Jugend, so wie dem Design, gehört die Zukunft!

So ist auch meine Erfahrung der letzten Wochen: Es hat sich nicht viel geändert. Nach wie vor nerven die Älteren die Jüngeren, indem sie ständig zurückblicken und aus der Geschichte lernen und lehren wollen. Dabei wollen die Jüngeren schnellstmöglich vorankommen – ab in die Zukunft! Und genau wie bei meiner Generation, der des Kalten Krieges, gibt es auch für die jetzigen kalten Zeiten, denen sie entgegenblicken: Also, was gibt’s Neues? Vermutlich nichts, was die unterschiedlichen Blickrichtungen der Generationen betrifft, aber sehr vieles, was die heutigen technologischen Möglichkeiten der jüngeren Generation betrifft – und was das bei jenen bewirkt.

Wer heute vor Studenten steht, blickt in ungeduldige Gesichter, nicht in ratlose. Und statt dass sie sich gegenseitig heimlich Papiernachrichten zukommen lassen, tun sie das heute per Chat. Statt Papier und Stift liegt jetzt ein Laptop auf dem Tisch, mit dem Sie ständig mit dem ‚World Wide Web‘ verbunden sind und jederzeit überprüfen können, ob das, was der Prof. so von sich gibt, auch zutrifft. Zum Glück beanspruchen das Chatten, Facebooken und Twittern sie derart, dass sie für den ‚Faktencheck‘ keine Zeit mehr haben.

Sie besitzen alle kein Auto (auch nicht das Annektierte der Mutti), nicht weil sie nachhaltig handeln, sondern weil sie eh jederzeit miteinander in Verbindung stehen und ständig ‚online‘ sind – man trifft sich dort, und wenn nicht, dann keine Panik: Verabreden kann man sich ja per SMS, Chat, Twitter, E-Mail und mit noch so vielen Apps und Tools. Wann sahen Sie zuletzt einen trampenden Studenten am Wegesrand? Genau.

Ich bin ja noch, eigentlich genau wie meine Eltern und die Generationen davor, mit dem Wagen, per Anhalter und natürlich mit dem Rad in die Stadt gefahren, in der Hoffnung, da jemanden zu treffen – genau wusste man ja nicht, ob da wer sein wird (Anrufen bekamen die Eltern ja mit). An der digitalen Straße braucht man nicht zu trampen, denn da fährt keiner mehr umher, denn alles ist schon miteinander verbunden!

Für mich ist dies ein Paradigmenwandel, den es so noch nicht gegeben hat, und ich frage mich, was das für das Design bedeutet. Vor allem für jenes, das sich in der physischen Welt abspielt… Verwundert sprach ich kürzlich mit einem anderen Vater über die Erfahrung, die wir mit unseren Söhnen geteilt haben: Sie können dir eine Webpage einrichten, aber keinen Reifen mehr am Rad flicken!

Ist das nun gut so, oder gehören wir jetzt auch zum alten Eisen und nörgeln nur rum? Vielmehr kommt bei mir der Verdacht auf, dass sich wirklich grundlegend etwas ändert – alles wird digital. Jedoch bleiben wir physische Wesen und leben in einer physischen Welt, für die wir auch in Zukunft passendes Design benötigen. Riskieren wir, dass die physischen Produkte, die uns umgeben, nicht mehr von engagierten, zukunftsorientierten Designern verbessert werden – einfach, weil diese die physische Welt nicht mehr ‚verstehen‘? Werden in 50 Jahren alte, krumme Leute mit Werkzeugkästen umherwandern und die marode, veraltete Hardware unserer Gesellschaft in Schuss halten, weil alle anderen nur noch ‚online‘ sind? Vielleicht ist das ja die Sicherung unserer Rente, allerdings ein Dämpfer für all jene, für die das Bessere der Feind des Guten ist: Vieles von dem, was uns jetzt physisch umgibt, muss verbessert werden und braucht Designer, die das auch in Zukunft angehen können.

Wird die ‚Generation Digital‘ das schaffen, oder muss ich mir Sorgen machen? Oder bin ich einfach nur ein alter Sack geworden?!

Schreibe einen Kommentar