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Sind Sie schon mal beim Orthopäden gewesen, z. B. wegen eines schmerzhaften Knies?

Vielleicht ist es Ihnen dann genauso gegangen wie mir: Sie haben die Diagnose über das Symptom erhalten, das man anhand eines Röntgenbildes zweifelsfrei nachweisen konnte, aber die Ursache blieb ungewiss. Nach der Abfertigung und der Blitzanalyse schmerzt es nach wie vor, und Sie wissen immer noch nicht, wie Sie die Schmerzen loswerden. Es folgt der Gang zum nächsten Arzt, denn operieren und Meniskus, Bänder sowie Sehnen an den richtigen Platz rücken zu lassen, erscheint einem vorschnell. Sie wissen ja, dass es oft nur das Problem verschlimmbessert!

Dabei hatte der Orthopäde doch ganze Arbeit geleistet: Er hatte dank seiner Erfahrung und seines Equipments recht schnell feststellen können, was genau die Schmerzen verursacht (bei mir: schiefstehende Kniescheibe) und eine Lösung empfohlen, die Abhilfe schafft – operieren!

Erst mein Hausarzt, ein Internist, betrachtete mich aus einem anderen Blickwinkel – er schaute sich das ganze Ausmaß des „Elends“ an! Nach dem klassischen „Machen Sie sich mal frei“ und einem kritischen Blick auf meine Haltung fragte er mich, ob ich vielleicht Knieschmerzen hätte. Erstaunt bejahte ich. Eigentlich war ich ja nur wegen eines Checks für älter werdende Männer da… „Kein Wunder“, sagte er, „Sie stehen krumm, weil Ihre Füße den Halt verloren haben. Sie werden älter, so ist das nun mal… Vermutlich haben Sie deswegen auch manchmal Nackenschmerzen?“ (Ich bejahte wieder.) „Nun, Sie brauchen erst mal Stützsohlen und in einem Jahr sind Sie die Knieschmerzen los!“ Neben der Erkenntnis, dass nichts ewig währt, bekam ich vom Internisten ein Rezept für Stützsohlen und jetzt, gut ein Jahr später, sind die Knieschmerzen völlig weg! Womit wieder klar wurde, woran es oft mangelt, sowohl in der Medizin als auch in der Wirtschaft: der Fokus auf das Wesentliche (und die Erkenntnis, dass nichts bleibt, wie es ist).

Wesentlich ist meist nicht das, was einem sofort auffällt und in der Regel die „Schmerzen“ bereitet, sondern das, was oft viel tiefer liegt. Und obwohl das ein alter Hut ist und jeder weiß, dass Ursache und Wirkung selten eine gemeinsame Quelle haben, stoßen wir andauernd auf Beispiele, bei denen man das zu vergessen scheint. Da fragt man sich, warum wir dem schnellen Befund so nachstreben: Ist es, weil wir grundsätzlich ungeduldig sind, oder weil wir verlernt haben, uns „frei zu machen“ und die Dinge aus einem ganzheitlichen Blickwinkel zu betrachten?

Auch in der Wirtschaft gibt es da Beispiele genug – und es schmerzt zuhauf! Wie im echten Leben rennen die CEOs zum „Orthopäden“ und lassen sich durchleuchten. Die Röntgenbilder der Berater und Analysten verraten schnell, wo es da schmerzt: Jedes noch so kleine Detail lässt sich erfassen, und oft ist der Befund ähnlich wie bei meinem Knie – operieren! Man schneidet Fett weg, strafft Bänder und Sehnen, korrigiert Fehlstände im Skelett und strafft erschlafftes Gewebe: Lean-Management, Six-Sigma, CRM-Improvement, Process-Management oder eine der vielen tausend Methoden sind, genau wie die Analysen des Orthopäden, wichtig und relevant. Nicht, dass Sie mich da falsch verstehen! Ohne die Fähigkeit, Teilaspekte eines Organismus zu erfassen und zu „behandeln“, wären wir nicht in der Lage, so effizient zu agieren. Oft ist es sogar besser, ein Symptom schnell zu beseitigen, wenn die Ursache eindeutig ist.

Jedoch ist es auch in Unternehmen zusehends schwieriger, jemanden zu finden, der den ganzheitlichen Überblick behalten und bei komplexeren Beschwerden die Ursachenfindung vorantreiben kann und will. Denn es ist viel einfacher, die Behandlung am Symptom anzusetzen, als sich mühsam auf die Suche nach der Quelle des Problems zu machen: Zum Beispiel schmerzt es, wenn die Erträge nicht den Erwartungen entsprechen. Als schnelle Operation wird gleich an der Marge geschraubt, damit sich der Schmerz legt (in der Regel nach dem Motto: Preis runter, Kosten noch mehr runter). Bleibt der Schmerz, versucht man ihn samt Organ zu „entfernen“ (in der Regel durch Aktionen wie Portfoliobereinigung, Restrukturierung, Joint Venture oder auch den Verkauf ganzer Firmenteile). Wie in der Medizin bringen diese Maßnahmen kurzfristig Abhilfe und halten den Organismus vorläufig leistungsfähig.

Viel schwieriger ist es, wenn man die Ursache ganzheitlich sucht und sie dort findet, wo man kein Pflaster aufkleben oder etwas wegoperieren kann. Dann findet die Behandlung nicht dort statt, wo es weh tut, sondern dort, wo die Ursache liegt. Es dauert dann wesentlich länger, bis sich Besserung einstellt, und man muss Geduld und Weitsicht mitbringen, will man auf diesem Wege Besserung erzielen. Zudem fordert es vom „Patienten“, dass er sich „frei macht“ und dementsprechend den Prozess der Ursachenbekämpfung angeht: Mit einer Offenheit und Selbstsicherheit, die Ursache auch bei sich selbst zu suchen und der Überzeugung, sich nicht mit der schnellen Behandlung eines Symptoms zufrieden zu geben.
Wenn Unternehmen diese Weitsicht mitbringen und in der Ursachenfindung gut beraten werden, dann lässt sich mancher Schmerz nachhaltig beseitigen.

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