verschlossen
Ratlos stand er vor der Tür, wo er energisch versuchte, sich mit seinem Mitarbeiterausweis (alle Mitarbeiter hatten so eine typische weiße Plastikkarte samt ‚Clip‘) Zugang zu verschaffen. En passant befreite ich ihn aus seiner Lage, indem ich mit meinem Ausweis die Türverriegelung öffnete und ihn hereinbat. Es stellte sich rasch heraus, dass er eh zu mir wollte. „Wieso ist in eurem Bereich die Tür für Mitarbeiter verschlossen?“, wollte er gleich darauf wissen. „Es gibt doch eine Eingangskontrolle am Haupteingang.“
Tja, diese Frage hatte ich auch schon gestellt und prompt die Antwort von der Bereichsleitung erhalten, dass man im Bereich an ‚hochstrategischen‘ Projekten arbeiten würde und es daher ‚wahnsinnig wichtig‘ sei, dass nicht jeder einfach hineinspazieren kann. Ja, auch wenn es sich um Mitarbeiter des Konzerns handeln würde. Ob man da nicht die Sachen in einen Schrank verstauen könnte, versuchte ich es noch, statt gleich den ganzen Bereich zu verschließen. Denn schließlich müsse sich die noch junge Designabteilung (und mit ihr das Designverständnis) doch noch im Konzern etablieren, und da sollte man froh sein, dass die Kollegen vorbeischauen und die Hürden bei der Kontaktaufnahme so niedrig wie möglich sind. Statt Türen zu verschließen, sollte man doch lieber alle schrankenlos hereinbitten!
Offensichtlich gibt es bei dem Vorgehen, Design im Unternehmen zu etablieren, mehrere Ansätze: Der hier gewählte Weg will das Design als etwas Besonderes und gar außerordentlich Andersartiges positionieren – damit schon mal gleich klar gestellt wird, dass man die Sache ernst nehmen muss! Indem man anders auftritt, etabliert man sich quasi von selbst, so die Theorie.
Ein probates Mittel ist dabei, die ‚Andersartigkeit‘ gleich mit allen äußerlichen Aspekten zu fördern: Natürlich sind die braunen Möbel aus dem Konzernkatalog nicht passend, natürlich braucht es einen anderen Teppich, klar arbeitet man auf Macs, selbstverständlich adaptiert man gleich die vorgegebene CI zum Besseren (denn die Arbeit anderer Gestalter ist grundsätzlich nicht gut genug…) und sicherlich kleidet man sich völlig konträr zu dem, was die ‚Konzerngarderobe‘ so vorgibt. „Eure Designer erkennt man sofort“, ließ eine Kollegin aus dem Einkauf mich sehr nett wissen, „denn sie tragen entweder Flip-Flops oder kurze Hosen!“ Als ich ihr sagte, dass auch ich einer von ihnen sei, war sie sichtlich überrascht: „Wirklich? „Vielleicht liegt es daran, dass du einen Anzug trägst!“
Was den Status des Besonderen noch mehr schürt als abweichende Kleidung und schneeweiße Büromöbel, ist die Abgrenzung, frei nach dem Motto „Mach dich rar, dann bist du ein Star“! Denn um genau diese Sache dreht sich letztendlich alles in den Grabenkämpfen der Großkonzerne: Wer erhält die Gunst des CEOs, wer darf sich mit Lob und Förderung schmücken, wer ist der Star im Konzern und sichert sich damit Anerkennung, Sicherheit und Boni?!
Es kommt zum regelrechten Schaulaufen, wenn auf Townhall-Meetings (Mitarbeiterversammlungen) die Abteilungen ihre besonderen Errungenschaften darstellen, oder auch auf Vorstandssitzungen, wo all jene, die noch keinen Sessel an der Tafelrunde haben, sich gegenseitig versuchen, Knüppel zwischen die Beine zu werfen: Denn da müssen alle ja partout hin – an den Tisch des Vorstands!
Mein Besucher ließ die Sache mit der verschlossenen Tür nicht mehr los. Mehrfach kam er darauf zurück und beschwerte sich letztendlich darüber, dass sich der Designbereich so rar machen würde und sich außerdem beim Vorstand ‚einschleimen‘ würde… Tja, da kam die Katze aus dem Sack! Als ich ihn daraufhin fragte, wie er sich denn vorstellen würde, die Zusammenarbeit zwischen den Bereichen anzukurbeln, wurde er ruhiger. Um das Gespräch nicht im Sande zu verlaufen, schlug ich vor, dass man doch in einer Zusammenarbeit an der Verbesserung des Kundenerlebnisses arbeiten könne. Daraufhin ließ jedoch seine Energie schlagartig nach: „Da muss man erst mal die Schnittstellen definieren und den gemeinsamen Prozess erarbeiten, bevor man Konkretes sagen kann“, schwächte er meinen Vorstoß ab, endlich etwas für den Kunden zu tun, statt für die interne Rangordnung.
Ja, versicherte er nach einer Bedenkzeit, er fände es auch wichtig, dass man sich hier zusammentut und lud mich daraufhin ein, ihn und seinen Bereich zu besuchen. Ein paar Wochen später war es dann so weit und ich trat meinen Gegenbesuch an, in der Absicht, gemeinsame Projekte auszuloten. Nach einigem Suchen fand ich auch den Eingang zu seinem Bereich und wollte eintreten – doch die Tür war verschlossen. Routiniert zog ich meinen Mitarbeiterausweis aus der Tasche, hielt ihn vor das Lesegerät, woraufhin es piepste und mir auf dem Display erschien: Zugang nur für autorisierte Mitarbeiter…
Die Kollegen hatten schnell dazugelernt, denn nur wer sich rar macht, wird zum Star!